Zu diesem Buch
22
Kapitel
82
Minuten
20k+
Wörter
14+
Content
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Kapitel 1 – Der Fremde im Regen
Der Regen peitschte wie feine Nadeln gegen die Fensterscheiben des kleinen Cafés, während Emilia die letzten Tische abwischte. Es war einer jener Abende, an denen man sich am liebsten unter einer Decke vergrub und die Welt draußen vergessen wollte. Die Lichter der Stadt spiegelten sich auf dem nassen Asphalt, und nur wenige Gestalten hasteten unter aufgespannten Schirmen vorbei.
Sie seufzte und strich sich eine feuchte Strähne aus der Stirn. Eigentlich hatte sie schon vor zehn Minuten schließen wollen, aber irgendetwas hielt sie zurück. Vielleicht war es die Hoffnung auf einen letzten Kunden, vielleicht war es einfach die Melancholie, die der Regen mit sich brachte. Sie stellte sich hinter die Theke, wärmte ihre Hände an einer Tasse Tee und beobachtete das Spiel der Tropfen auf dem Fenster.
Da bemerkte sie ihn.
Eine einzelne Gestalt stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite, halb verborgen unter dem Vordach eines alten Buchladens. Ein Mann, groß, schlank, mit einer Art Mantel, der eher an einen längst vergangenen Jahrhundertwechsel erinnerte als an moderne Mode. Er trug keinen Schirm. Der Regen rann in dicken Strömen über ihn, doch er rührte sich nicht, starrte nur auf das Café.
Emilia spürte, wie sich eine Gänsehaut auf ihren Armen bildete – und es war nicht die Kälte. Irgendetwas an diesem Mann war... anders. Fremd, aber nicht bedrohlich. Nach kurzem Zögern stellte sie ihre Tasse ab, ging zur Tür und öffnete sie einen Spalt breit.
„Hey!“, rief sie gegen den prasselnden Regen. „Willst du rein? Es ist warm hier!“
Der Mann hob langsam den Kopf. Selbst aus der Entfernung sah sie, wie ungewöhnlich seine Augen wirkten – dunkel, tiefgründig, als würden sie Geheimnisse bergen, die kein Mensch je erfahren sollte. Er zögerte einen Moment, dann trat er zögerlich über die Straße. Seine Bewegungen wirkten vorsichtig, fast als würde er den Boden unter seinen Füßen nicht ganz trauen.
Als er durch die Tür trat, umhüllte ihn sofort der Duft von Kaffee, warmer Milch und frischem Gebäck. Tropfnass stand er in der Mitte des Raumes und sah sich verwundert um, als hätte er so etwas wie dieses Café noch nie gesehen.
„Setz dich“, sagte Emilia freundlich und reichte ihm ein sauberes Handtuch. „Ich bringe dir was Warmes.“
Er nahm das Handtuch dankbar entgegen, doch sagte kein Wort. Seine Hände waren groß, aber schmal, die Finger leicht zitternd. Er setzte sich an einen der hinteren Tische und schien jeden Gegenstand im Raum genau zu mustern – die Tafel mit dem Tagesmenü, die altmodische Espressomaschine, das Radio, das leise Jazz spielte.
Emilia bereitete ihm rasch einen Tee zu, ließ dabei aber den Blick nicht von ihm. Irgendetwas stimmte nicht. Seine Kleidung war seltsam – der Mantel aus schwerem Stoff, die dunkle Weste, die groben Stiefel. Keine Jeans, keine Jacke, kein T-Shirt. Es war, als wäre er aus einer anderen Epoche hierher gelangt.
Als sie ihm die dampfende Tasse hinstellte, bedankte er sich leise mit einem Nicken.
„Wie heißt du?“, fragte sie, mehr aus Neugier als aus Höflichkeit.
Er zögerte einen Moment, als müsste er sich den Namen erst in Erinnerung rufen.
„Leon“, sagte er schließlich.
„Leon“, wiederholte sie. „Ich bin Emilia.“
Sie setzte sich ihm gegenüber, lehnte sich leicht zurück und beobachtete ihn weiter. Leon nahm einen Schluck Tee, und für einen Moment entspannte sich seine Haltung, als wäre die Wärme der Tasse in seinen Händen ein Anker in einer unbekannten Welt.
„Bist du auf der Durchreise?“, fragte sie vorsichtig.
Leon sah sie an, und in seinen Augen blitzte für einen Moment etwas auf – Angst, Schmerz, vielleicht auch Schuld.
„So könnte man es nennen“, murmelte er.
Seine Stimme war tief, rau, als hätte er lange geschwiegen oder durch stürmische Zeiten gesprochen. Emilia spürte einen seltsamen Stich in der Brust.
„Willst du jemanden treffen? Freunde? Familie?“
Er schüttelte den Kopf.
„Niemanden.“
Die Antwort war so endgültig, dass Emilia keine weiteren Fragen stellte. Stattdessen ließ sie ihm Raum. Sie kannte das Gefühl, allein zu sein. Nach dem Tod ihrer Mutter hatte sie das Café übernommen und war irgendwie hier gestrandet, zwischen Kaffeetassen und verpassten Träumen.
Der Regen draußen wurde stärker. Ein Donner grollte in der Ferne, das Licht flackerte kurz. Emilia zündete ein paar Kerzen an, um die drohende Dunkelheit zu vertreiben. Leon beobachtete jede ihrer Bewegungen, als würde er sie in sich aufnehmen, als wäre sie das Letzte, was ihm von dieser Welt blieb.
„Willst du hier bleiben, bis das Schlimmste vorbei ist?“, bot sie an.
Wieder dieses kurze Zögern, dann ein leises:
„Wenn es keine Umstände macht.“
„Keine“, sagte sie schnell und lächelte.
Eine Weile sprachen sie nicht. Emilia arbeitete weiter hinter der Theke, Leon nippte an seinem Tee und starrte hinaus in den Regen. Die Uhr tickte leise an der Wand, und irgendwann stellte Emilia fest, dass sie sich merkwürdig wohl fühlte. Normalerweise hätte sie bei einem fremden Mann mitten in der Nacht Angst gehabt. Aber Leon strahlte keine Bedrohung aus – nur tiefe, unermessliche Traurigkeit.
Irgendwann blickte er auf und fragte:
„Was ist das für ein Ort?“
„Ein Café“, sagte sie, leicht verwundert.
Er nickte langsam, als würde er das Wort kosten, als sei es etwas Neues.
„Und... dieser Ort... gehört dir?“
„Ja“, sagte sie. „Seit ein paar Jahren. Meine Mutter hat es eröffnet. Nach ihrem Tod habe ich übernommen.“
Leon sah sie lange an, als könne er all ihren Schmerz verstehen, ohne dass sie ein weiteres Wort sagte.
„Es ist ein schöner Ort“, sagte er schließlich.
Sie lächelte, doch sein Ton machte sie traurig. Es war, als spräche jemand, der genau wusste, wie zerbrechlich Schönheit in einer unsteten Welt war.
Die Nacht zog sich hin. Irgendwann nahm Emilia eine Decke aus dem Lager und legte sie über die Rückenlehne seines Stuhls.
„Wenn du willst, kannst du hier bleiben, bis der Regen aufhört“, sagte sie. „Ich schließe jetzt ab.“
Leon bedankte sich erneut, und als sie die Tür verriegelte, spürte sie einen Moment lang, dass etwas Bedeutendes begonnen hatte – etwas, das ihr gesamtes Leben verändern würde. Nur wusste sie noch nicht, auf welche Weise.
Im schwachen Licht der Kerzen wirkte Leon beinahe geisterhaft, und als Emilia ihm ein letztes Mal einen Blick zuwarf, hatte sie das Gefühl, einen Mann zu sehen, der an den Rand der Zeit selbst gespült worden war.
Was sie in diesem Moment nicht ahnte: Sie war gerade in eine Geschichte eingetreten, die nicht nur ihr Herz, sondern auch ihre Vorstellung von Raum und Zeit für immer verändern würde.
Hinweis
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