Zu diesem Buch
20
Kapitel
66
Minuten
16k+
Wörter
12+
Content
Wenn Worte brennen
Kapitel 1: Der erste Tag
Der Schulhof war laut, chaotisch und voll mit Stimmen, die durcheinanderredeten, lachten oder schrien. Autos rollten an, Schüler stiegen aus, manche schienen nervös, andere verhalten oder gleichgültig. Es war der erste Tag nach den Sommerferien, und für einige war es der Anfang von etwas Neuem. Für andere einfach nur die Fortsetzung einer endlosen Geschichte, die sie längst zu hassen gelernt hatten.
Inmitten des Trubels stand Elias. Seine Hände verkrampft in den Trägern seines Rucksacks, der viel zu groß für seinen schmalen Körper war. Er war neu hier. Seine Familie war gerade erst in diese Stadt gezogen, und die Schule, die nun vor ihm stand, trug den beängstigenden Namen „Wilhelm-Gymnasium“. Groß, grau, alt. Wie eine Festung, in der schon zu viele Schlachten geschlagen wurden.
Elias hatte versucht, sich vorzubereiten. Neue Kleidung, Frisur, sogar ein neues Handy, damit er nicht gleich auffiel. Doch während er über den Hof ging, spürte er die Blicke. Diese prüfenden, bewertenden Augen, die in Sekundenschnelle entschieden, ob du cool oder seltsam warst. Und Elias wusste: Er war kein Naturtalent im Dazugehören.
In der Aula drängten sich Schüler aller Jahrgänge. Lautsprecher knisterten, Lehrer versuchten vergeblich, Ruhe hineinzubringen. Eine Stimme schnitt schließlich durch das Stimmengewirr. Der Direktor, Herr Blome, begann seine Ansprache mit steifer Stimme. Während er von Werten, Gemeinschaft und Respekt sprach, schaute Elias sich um. Die meisten hörten gar nicht zu. Einige flüsterten, andere schauten auf ihre Handys. Ganz hinten grinste ein Junge mit blonden Locken in Richtung eines schmalen Mädchens mit dunklen Augen und warf ihr einen zerknüllten Zettel zu.
„Läuft wie überall“, dachte Elias und schüttelte innerlich den Kopf.
Als die Rede vorbei war, begann das große Sortieren. Listen wurden verteilt, Schüler fanden ihre Klassen, und Elias wurde der 9c zugeteilt. Er stand ein wenig verloren zwischen Gruppen, die sich bereits kannten, lachten oder sich umarmten. Ein Lehrer mit Halbglatze und ernster Miene rief seinen Namen.
„Elias Neubauer? Willkommen. Du bist bei mir. Komm mit, wir gehen rauf in den zweiten Stock.“
Der Mann hieß Herr Winter und war der Klassenlehrer der 9c. Er führte die Schüler durch lange, abgewetzte Flure, an Türen mit Schildern vorbei, auf denen Worte wie „Biologie“, „Chemie“ oder „Kunst“ standen. In Raum 208 wartete schon ein Haufen Teenager auf ihre Plätze. Einige hingen über den Tischen, andere saßen auf den Fensterbänken. Es war laut, unruhig und unangenehm.
„Setz dich irgendwo, wo Platz ist“, sagte Herr Winter.
Elias zögerte, sah sich um und steuerte schließlich einen Tisch hinten in der Ecke an. Dort saß nur ein anderer Schüler, ein schmaler Typ mit zerzaustem Haar und Kopfhörern. Der hob nicht mal den Kopf, als Elias sich neben ihn setzte. Umso besser.
Die erste Stunde war eine Mischung aus organisatorischem Chaos und peinlichen Vorstellungsrunden. Elias versuchte, möglichst wenig aufzufallen. Doch das funktionierte nur bis zur Pause.
„Ey, bist du der Neue?“ Eine Stimme schnitt durch die Geräusche auf dem Flur. Drei Jungs standen plötzlich vor ihm. Einer von ihnen war groß, breitschultrig und hatte das selbstgefällige Grinsen eines Anführers.
„Ja“, antwortete Elias vorsichtig.
„Ich bin Marvin. Das hier sind Tarek und Nils. Willkommen auf der Wilhelm.“ Das klang nicht wie eine freundliche Einladung. Es klang wie eine Warnung.
„Cool, danke.“
„Woher kommst du?“
„Kiel.“
Marvin verzog das Gesicht. „Ganz oben im Norden? Hoffentlich hast du da gelernt, wie man die Klappe hält.“
Die anderen lachten.
Elias wusste nicht, was er sagen sollte. Sein Herz klopfte schneller. Er wollte einfach nur gehen. Doch bevor noch etwas passieren konnte, ertönte der Gong.
Im weiteren Verlauf des Tages spürte Elias, dass er beobachtet wurde. Immer wieder war da dieses Grinsen, das in seiner Richtung aufblitzte. Marvin saß zwei Reihen vor ihm und warf ihm Zettel zu. Auf einem stand: „Langweiler.“
Er zerknüllte ihn und versuchte, es zu ignorieren. Doch als er in der Cafeteria stand und sein Tablett mit einem Becher Wasser balancierte, rempelte ihn plötzlich jemand an. Das Wasser ergoss sich über seinen Pullover. Lachen. Schulterzucken. Und niemand half.
Nach der Schule ging Elias langsam nach Hause. Jeder Schritt schwer, die Gedanken voller Fragen. Hatte er sich zu unauffällig verhalten? Hätte er was sagen sollen? Sich wehren? War das Mobbing? Oder nur ein Test?
Zuhause sagte er seiner Mutter, dass es ganz okay war. Sie nickte erleichtert, ohne weiter nachzuhaken.
Doch Elias wusste, dass das hier erst der Anfang war.
Hinweis
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