Zu diesem Buch
25
Kapitel
80
Minuten
20k+
Wörter
14+
Content
Und ich blieb bei mir
Kapitel 1: Der Duft von Illusionen
Es war ein Montagmorgen wie jeder andere. Die Straßen glänzten nass vom feinen Nieselregen, der sich wie ein grauer Schleier über die Stadt gelegt hatte. In einer kleinen Wohnung am Rand eines alten Mietshauses saß Emilia vor dem Badezimmerspiegel. Die Glühbirne flackerte leicht, als wolle sie ihre Unsicherheit widerspiegeln. Ihre Finger griffen mechanisch nach der Brille, die neben der zerkratzten Haarbürste lag. Ein kurzer Blick in den Spiegel – müde Augen, fahle Haut, kein Hauch von Make-up. Wie jeden Tag.
Emilia war 29, Buchhalterin, zurückhaltend, mit einem Blick, der sich meistens auf den Boden richtete. Ihr Freund Max – 31, Künstler ohne festes Einkommen – schlief noch im Schlafzimmer. Er war charmant, leidenschaftlich und trieb sie gleichzeitig in den Wahnsinn. Emilia glaubte an ihn. Trotz seiner Stimmungsschwankungen, seiner häufigen Abwesenheiten und den lauwarmen Küssen, die in letzter Zeit seltener wurden. Sie liebte ihn. Bedingungslos. Oder vielleicht klammerte sie sich einfach an das, was Liebe sein sollte.
Als sie in der Küche leise die Kaffeemaschine anstellte, hörte sie Max aufwachen. Er brummte, drehte sich um, und rief dann müde: „Machst du auch einen für mich?“
„Ja, klar“, antwortete sie sanft und stellte eine zweite Tasse bereit.
Sie hoffte, heute sei einer der besseren Tage. Einer, an dem er sie ansah wie früher – mit diesem wilden Funkeln in den Augen, das sie glauben ließ, etwas Besonderes zu sein. Stattdessen kam er mit zerzaustem Haar in die Küche, warf ihr ein flüchtiges „Morgen“ zu, küsste sie auf die Stirn und schnappte sich sein Handy. Schon wieder am Tippen. Schon wieder ein Lächeln auf den Lippen, das nicht ihr galt.
„Wieder viel los mit deinem Projekt?“ fragte sie, bemüht, ihre Stimme locker klingen zu lassen.
„Mhm. Ja. Ich treff mich nachher mit Leo. Ein paar neue Ideen besprechen.“
„Leo“, sagte sie. Der Name brannte in ihrem Kopf. Leo war eigentlich Leonie – seine angeblich beste Freundin, die er ständig traf, meist abends, wenn Emilia längst im Bett war.
Sie wollte nicht misstrauisch sein. Eifersucht passte nicht zu ihr, glaubte sie. Misstrauen war für andere, nicht für sie – die brave, loyale Freundin, die immer alles verstand und alles entschuldigte.
Den ganzen Tag über nagte etwas in ihr. Im Büro hörte sie kaum zu, als ihre Kollegin Sarah ihr von einem neuen Netflix-Film erzählte. Emilia nickte nur und gab ab und zu ein gezwungenes Lächeln von sich. Im Innersten wusste sie, dass Max etwas vor ihr verbarg. Sie wusste es schon lange. Aber sie wagte nicht, es auszusprechen. Denn wenn sie es aussprach, würde es real werden.
Abends kam er spät heim. Sie hatte gekocht – sein Lieblingsgericht. Doch als er hereinkam, murmelte er: „Hab schon gegessen.“
Sie zwang sich zu einem Lächeln, doch es bröckelte.
„War’s schön bei Leo?“ fragte sie vorsichtig.
„Ja, war okay. Warum?“
„Nur so. Du bist immer so lange weg.“
„Emilia, ich brauch auch mal Luft, okay? Es geht nicht immer nur um dich.“
Die Worte trafen sie wie ein Schlag. Emilia schwieg. Sie wollte schreien, weinen, ihn schütteln und fragen, warum er sich so verändert hatte. Doch sie saß nur da, sah ihm zu, wie er sich aufs Sofa fallen ließ und weiter auf sein Handy starrte.
Später lag sie im Bett, während er noch im Wohnzimmer war. Die Decke fühlte sich kalt an. Ihr Herz war schwer. Gedanken wühlten sich durch ihren Kopf. Sie erinnerte sich an früher – an das erste Kennenlernen in einem kleinen Buchladen. An sein verschmitztes Lächeln, an seine Sprüche, seine Art, sie auf Händen zu tragen. Damals hatte sie geglaubt, er sei anders. Und sie glaubte, sie sei genug.
Doch mit jedem Tag, der verging, wurde ihr klarer, dass sie nicht mehr dieselbe war. Sie spürte, wie ihre Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung sie aufzehrte. Und wie sehr sie sich selbst dabei verlor.
Am nächsten Morgen, als Max wieder das Haus verließ, starrte sie sich erneut im Spiegel an. Ein Gedanke kroch langsam in ihr hoch – leise, aber hartnäckig: Was, wenn ich mich verändere? Was, wenn ich es nicht länger akzeptiere, so übersehen zu werden?
Sie nahm das alte Schminktäschchen aus der hintersten Schublade, das sie seit Jahren nicht mehr benutzt hatte. Ihre Hände zitterten leicht, als sie den Lippenstift öffnete. Ein zarter Rosaton. Unsicher trug sie ihn auf, betrachtete sich – ungewohnt, fremd, aber... interessant.
Es war ein kleiner Schritt. Ein winziger. Doch in diesem Moment fühlte er sich an wie ein Aufbruch.
Hinweis
Bewertungen sollen sich ausschließlich auf die Geschichte des Buches beziehen – nicht auf die Cameo-Auswahl oder Teilnahme. Wir freuen uns über ehrliches Feedback zur Handlung, den Charakteren oder dem Leseerlebnis. Die Cameo-Chance ist ein zusätzlicher Bonus und spielt in der Bewertung keine Rolle.
