Zu diesem Buch
20
Kapitel
65
Minuten
16k+
Wörter
14+
Content
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Kapitel 1 – Der Ruf der Wellen
Die Sonne brannte gnadenlos vom Himmel, als Kai sich durch den staubigen Hafen von Tranquilo schlug. Überall roch es nach Salz, Schweiß und altem Fisch. Händler schrien durcheinander, Kinder rannten mit flatternden Drachen durch die Gassen, und das Rauschen der nahen Wellen vermischte sich mit dem Tosen der Möwen. Kai mochte das Meer, aber noch mehr mochte er das Gefühl, bald aufzubrechen. Irgendwohin. Hauptsache weg.
Er hatte genug von Tranquilo. Von seinem Onkel, der ihm ständig sagte, dass aus ihm nichts werden würde. Von dem ewigen Leben in den gleichen Straßen, den gleichen Kneipen, den gleichen Träumen. Kai war sechzehn, hitzköpfig, schnell mit der Faust und noch schneller mit dem Mund. Und obwohl er nicht wusste, wohin er wollte, wusste er: Es musste woanders sein.
„Fünf Silber für 'n Platz auf’m Fischerboot, Junge“, grunzte ein bärtiger Kapitän, der an einem Holzpoller lehnte und seine Pfeife in den Mundwinkel drückte. Kai überlegte kurz. Fünf Silber waren sein gesamter Vorrat. Aber mit ein bisschen Glück – oder Unvernunft – konnte dieser Tag der erste seines neuen Lebens sein.
„Ich geb dir vier. Und helfe beim Netzeholen“, sagte Kai, die Stirn in Falten gelegt.
Der Mann lachte, spuckte in den Sand und winkte ab. „Spring rauf, Bursche. Du wirst’s eh bereuen.“
Nur wenige Minuten später lag Tranquilo hinter ihnen. Der kleine Kutter stieß durch die Wellen, begleitet von kreischenden Möwen und dem Knarzen alter Planken. Kai stand am Bug, der Wind zerzauste sein wildes Haar. Zum ersten Mal seit Langem fühlte er sich frei.
Doch die See hatte andere Pläne.
Es begann mit einem Zittern unter den Füßen. Der Kapitän fluchte, rannte unter Deck. Dann riss eine gewaltige Welle über das Boot hinweg, schleuderte Kai wie ein Blatt in die Luft. Salzwasser brannte in seinen Augen, seine Lungen rangen nach Luft. Dann – Dunkelheit.
Als Kai erwachte, spürte er weichen Sand unter sich. Die Sonne war tiefer gewandert, der Himmel orange. Ein Schwarm Möwen zog kreischend über ihn hinweg. Er hustete Wasser aus, seine Glieder schmerzten. Langsam richtete er sich auf. Vor ihm erstreckte sich eine einsame Küste, von Palmen gesäumt. Keine Menschenseele. Kein Boot. Nichts.
Er schleppte sich vorwärts. Jeder Schritt fiel schwer. Hinter einer Düne fand er etwas, das nicht dorthin gehörte: Ein metallischer Glanz im Sand. Neugierig grub er weiter. Zum Vorschein kam eine seltsame Uhr – rund, mit Muscheln verziert, in deren Mitte ein Herz aus Kristall pulsierte.
„Was zum…?“ Kai nahm das Ding in die Hand.
In dem Moment geschah es.
Ein gleißendes Licht strahlte aus dem Kristall. Der Sand unter ihm vibrierte, das Meer zog sich zurück wie vor einem Sturm. In seinem Kopf erklang eine Stimme – flüsternd, alt, fremd.
„Der Ruf der Gezeiten… wurde gehört…“
Kai schrie auf und ließ die Uhr fallen. Doch sie blieb an seiner Hand kleben – als hätte sie sich mit ihm verbunden. Bilder rasten durch seinen Kopf: Städte unter Wasser, Krieger mit flammenden Schwertern, ein gewaltiger Strudel, der den Himmel verschlang.
Dann fiel er wieder um – und diesmal wachte er nicht allein auf.
„Du hast es also wirklich berührt“, sagte eine Stimme. Ruhig, aber schneidend.
Kai riss die Augen auf. Über ihm beugte sich ein Mann in dunkler Kleidung, mit einem Mantel aus Federn. Sein Haar war silbern, sein Blick wie gefrorenes Eis. In seiner Hand hielt er einen Stab, dessen Spitze wie ein Kompass wirkte.
„Was ist das für ein Ding?“ Kai rappelte sich auf. „Wo bin ich? Wer bist du?!“
Der Fremde verzog keine Miene. „Du bist auf der Insel Aqualis. Und du hast etwas geweckt, das hätte schlafen sollen.“
„Was soll das heißen?“
„Es bedeutet, dass du jetzt gejagt wirst. Von vielen. Und dass du keine Zeit verlieren darfst.“
Kai wollte etwas sagen, doch der Mann hob eine Hand. „Die Uhr hat dich gewählt. Ich kann dir helfen – aber du musst mir vertrauen.“
„Warum solltest du mir helfen wollen?“
„Weil ich dich beobachtet habe. Seit du das erste Mal aufs Meer hinausgesehen hast. Weil du anders bist. Und weil du der Schlüssel sein könntest.“
Kai spürte, wie sein Herz raste. Das alles klang wie aus einem alten Märchen. Und doch – die Uhr war real. Die Bilder in seinem Kopf auch. Und der Blick dieses Fremden ließ keinen Zweifel: Das war kein Spiel.
„Was soll ich tun?“
„Finde andere. Menschen, die dir helfen können. Die Muscheluhr ist nur der Anfang. Ihre Macht wird größer – aber auch gefährlicher. Und du bist nicht der Einzige, der sie will.“
Der Mann trat zurück, als wollte er sich in Luft auflösen. „Ich habe dich gewarnt. Nun liegt es an dir.“
Kai wollte noch etwas fragen – doch da war der Mann verschwunden. Zurück blieb nur das Meeresrauschen… und das Pochen der Uhr an seinem Handgelenk.
Der Ruf der Wellen hatte begonnen. Und Kai hatte keine Ahnung, wohin er führen würde.
Hinweis
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