Zu diesem Buch
24
Kapitel
76
Minuten
18k+
Wörter
12+
Content
Schwarzer Honig
Das Lied in mir
Kapitel 1 – Die Stimme auf Band
Die Hitze im Motelzimmer war erstickend, obwohl es draußen längst dunkel war. Der Deckenventilator ratterte in einem unregelmäßigen Takt, als würde er jeden Moment den Geist aufgeben. Raeven Maddox saß auf dem fleckigen Teppichboden, das alte Diktiergerät auf ihren Knien, den Daumen zitternd auf der Play-Taste. Staubkörner tanzten im Licht des Fernsehers, der stumm flackerte, während in ihren Ohren nur ein Gedanke pochte: Er ist tot. Seit einem Jahr. Und doch...
Ein Klicken ertönte, dann Rauschen. Dann eine Stimme. Rau, tief, leicht atemlos.
„Rae... wenn du das hier hörst, bin ich vermutlich... weiter als du denkst.“
Sie erstarrte. Das war seine Stimme. Unerwartet nah. Zu real.
„Ich weiß, das klingt verrückt. Aber du musst mir glauben. Es gibt etwas da draußen, das niemand versteht. Es ist nicht nur Honig. Es ist Erinnerung. Gedächtnis in flüssiger Form. Ich habe ihn probiert. Ich habe gesehen... Dinge. Dinge, die ich nicht hätte sehen sollen.“
Die Aufnahme knackte. Kurzes Schweigen. Dann ein Seufzer.
„Du darfst ihn niemals nehmen. Hörst du? Niemals. Ich habe einen Fehler gemacht. Sie kommen. Nicht wegen mir. Wegen dir.“
Ein metallisches Klicken. Dann Stille.
Raeven ließ das Gerät sinken. Ihr Herz schlug wie ein Presslufthammer. Die Nachricht war nicht neu. Sie war alt, das wusste sie. Der Recorder gehörte zu den Sachen, die man ihr nach dem mutmaßlichen Tod ihres Vaters übergeben hatte. Doch erst jetzt hatte sie den Mut gefunden, ihn einzuschalten. Oder besser gesagt – die Albträume hatten sie dazu gezwungen.
Sie stand auf, ging zum Fenster und schob die Gardine beiseite. Draußen war nichts zu sehen außer dem neonbeleuchteten Schriftzug Sunline Motel und einem rostigen Pickup auf dem Parkplatz. In der Ferne heulte ein Kojote. Oder war es ein Hund? Es spielte keine Rolle.
Sie war zurück in Montana. In Gilead Ridge. Der Ort, den sie vor zehn Jahren verlassen hatte und von dem sie geschworen hatte, nie zurückzukehren. Und doch saß sie nun wieder hier, mit einer Nachricht von einem Toten und einem Glas dunklen Honigs auf dem Nachttisch, das sie noch immer nicht anzufassen wagte.
„Sie kommen. Wegen dir.“ Die Worte ihres Vaters hallten in ihrem Kopf wie ein Mantra.
Sie erinnerte sich an die Anrufe der letzten Wochen – unterdrückte Nummern, leises Atmen, ein Flüstern, das verstummte, sobald sie antwortete. Und die Postsendung ohne Absender, nur mit dem Glas Honig und einer auf kyrillisch beschrifteten Karte darin: Karadeniz Dağları – Schwarzmeergebirge. Der Rest war unleserlich.
Raeven war Reporterin. Oder zumindest war sie es gewesen. Bevor der Tod ihres Vaters sie aus der Bahn geworfen hatte. Bevor sie angefangen hatte, zu trinken. Zu träumen. Zu halluzinieren. Ihr letzter Artikel lag Monate zurück, ebenso ihre Miete. Sie lebte von der Hand in den Mund, schlief in billigen Motels und jagte einem Phantom hinterher.
Aber heute, heute war etwas anders. Die Stimme. Die Warnung. Und das Wissen, dass sie nicht mehr schlafen konnte, ohne zu wissen, was ihr Vater wirklich gesehen hatte.
Sie griff zum Glas. Der Honig darin war fast schwarz. Zäh, dickflüssig. Und er roch nicht wie Honig. Er roch nach Erde. Nach Metall. Nach etwas... Uraltem.
Ein Klopfen an der Tür ließ sie zusammenfahren.
Zweites Klopfen. Dann eine Stimme.
„Miss Maddox?“
Sie öffnete nicht. Stattdessen griff sie zur Schublade des Nachttisches, zog ihr Taschenmesser hervor und schlich zur Tür.
„Ich bin vom Gilead Journal. Mein Name ist Merek. Ich habe Informationen über Ihren Vater.“
Die Stimme klang jung. Nervös. Aber nicht feindselig.
Langsam öffnete sie die Tür einen Spaltbreit. Ein junger Mann mit zerzausten Haaren und einer Kameratasche um die Schulter trat einen Schritt zurück.
„Ich will nur reden“, sagte er schnell. „Ich... ich habe was gefunden. In den Archiven.“
Raeven öffnete die Tür ganz.
„Fünf Minuten. Kein Wort über den Honig.“
Er nickte. Kam herein. Setzte sich auf die Kante des Betts.
„Sie glauben nicht, wie schwer es war, Sie zu finden“, begann er. „Ich hab Ihren Vater... ich meine, ich habe seine Artikel verschlungen. Besonders die alten Sachen über Russland, Georgien... diese Grenzregionen. Und dann bin ich auf ein Foto gestoßen. Von vor zwei Jahren. Es wurde nie veröffentlicht. Aber ich hab’s erkannt.“
Er zog ein zerknittertes Blatt aus seiner Tasche und reichte es ihr. Schwarzweiß. Verschwommen. Aber eindeutig. Ihr Vater – in einer Bergregion, eingehüllt in einen schweren Mantel. Und daneben eine Frau mit einem Messingring am Finger, der wie ein Schlangensymbol geformt war.
„Wer ist das?“, fragte sie.
„Keine Ahnung. Aber sie war im selben Ort, wo man seinen Pass gefunden hat. Trabzon. An der Küste des Schwarzen Meeres.“
Raevens Augen verengten sich. Das war die Verbindung. Die Karte. Der Honig. Die Frau.
„Ich werde dorthin reisen“, sagte sie leise.
„Was? Allein?“
„Ich habe keine Wahl. Er hat mich gewarnt. Und das hier...“ – sie hob das Glas – „ist nicht einfach irgendein Souvenir.“
Merek blickte sie an, sein Gesicht bleich.
„Dann hören Sie auf Ihre eigene Warnung. Wenn der Honig das ist, was ich vermute... dann sollten Sie ihn nicht anfassen. Es gibt Geschichten. Von Honig, der von Bienen gemacht wird, die nur in völliger Dunkelheit leben. Der Dinge bewahrt. Gedanken. Stimmen.“
Sie schwieg.
„Ich kann Ihnen helfen. Ich spreche Türkisch. Und... ich schulde Ihrem Vater etwas. Ohne ihn wäre ich nie Journalist geworden.“
Sie überlegte kurz. Dann nickte sie. Nicht aus Vertrauen. Sondern, weil es zu gefährlich war, allein zu reisen.
Sie spürte es in der Luft. In der Hitze. In der Stille zwischen den Sekunden.
Etwas hatte begonnen.
Und es würde nicht mehr aufhören.
Hinweis
Bewertungen sollen sich ausschließlich auf die Geschichte des Buches beziehen – nicht auf die Cameo-Auswahl oder Teilnahme. Wir freuen uns über ehrliches Feedback zur Handlung, den Charakteren oder dem Leseerlebnis. Die Cameo-Chance ist ein zusätzlicher Bonus und spielt in der Bewertung keine Rolle.
