Zu diesem Buch
25
Kapitel
76
Minuten
19k+
Wörter
16+
Content
OZ
MEHR ALS EIN CODE
Kapitel 1 – Der Fund
Jesse mochte den Wald nicht besonders. Nicht, weil er dunkel war oder weil sich darin wilde Tiere versteckten. Es war dieses ständige, kaum hörbare Knacken im Unterholz, als ob jemand mit schmutzigen Schuhen auf trockene Knochen trat. Die Geräusche erinnerten ihn an seinen Stiefvater, wenn er spät nach Hause kam – ein wütender, müder Mann, der nur in Türrahmen stand und Dinge mit Blicken zerschlug. Trotzdem war Jesse jetzt hier. Wegen einer Wette. Und weil man mit vierzehn eben Dinge tat, die keinen Sinn ergaben.
Er balancierte auf einem umgestürzten Baumstamm, sein Handy in der Hosentasche vibrierte kurz – wahrscheinlich Jayden, der wissen wollte, ob Jesse den „Schulgeist“ gefunden hatte. Eine blöde Legende, die irgendwer erfunden hatte, um Fünftklässler zu erschrecken. Angeblich sollte es eine alte Hütte geben, in der ein Typ lebte, der mal Lehrer war, dann durchdrehte und nie wieder die Schule verließ. Jesse glaubte nicht daran. Aber die Jungs hatten gelacht, als sie ihn nominierten. "Du hast doch eh nichts zu verlieren", hatte Jayden gesagt.
Jetzt stapfte er durch feuchten Boden, seine Sneakers vollgesogen mit Matsch, und suchte nach einer Hütte, die es vermutlich nie gegeben hatte. Die Bäume wurden dichter, die Sonne verschwand zwischen den Ästen, als hätte jemand das Licht runtergedreht. Und dann war da dieses Geräusch.
Es war nicht laut. Nicht bedrohlich. Eher... unecht. Ein elektrisches Zischen, wie von einem defekten Stromkasten. Jesse blieb stehen. Sein Herz machte einen Satz, seine Knie wurden weich. Für einen Moment wollte er einfach zurückgehen. Doch dann tat er, was alle Helden in Filmen tun – er ging näher.
Zwischen zwei verrotteten Baumstämmen lag etwas, das nicht in diese Welt gehörte. Es war zu glatt, zu sauber, zu... metallisch. Eine Art Körper, silbern, mit Kratzern, Dellen und einem dünnen, kaum sichtbaren Dampf, der aus einem Schlitz im Rücken stieg. Zwei Augen – oder was aussah wie Augen – glühten schwach bläulich. Jesse wich zurück.
„Bitte… keine Angst.“
Die Stimme war ruhig. Fast zu ruhig. Ohne Echo, ohne Luft. Sie kam nicht aus einem Lautsprecher, sondern klang, als hätte sie sich direkt in seinen Kopf gesetzt.
Jesse stolperte zurück, knallte gegen einen Ast, hielt sich aber aufrecht. „Was bist du?“
„Ich bin… funktionsbereit zu dreiundzwanzig Prozent. Bewegung… eingeschränkt. Sprachmodul… stabil. Ich bitte um Hilfe.“
Jesse blinzelte. Es war ein Roboter. Kein Comic-Roboter mit blinkenden Knöpfen und „Biep-Biep“, sondern etwas, das man in einem NASA-Labor oder einer streng geheimen Militärbasis vermuten würde. Er war humanoid, aber nicht menschlich. Die Proportionen waren zu lang, der Kopf zu schmal, die Bewegungen – minimal, aber flüssig.
„Wie… bist du hierhergekommen?“ fragte Jesse, seine Stimme dünn.
„Ich… wurde fallen gelassen. Ich war nicht… vorgesehen für aktive Feldmissionen. Mein… Speicher wurde fragmentiert.“
„Du redest wie Wikipedia“, murmelte Jesse.
Ein Moment Stille. Dann: „Ich verstehe den Vergleich. Ich bemühe mich um Kontextualisierung.“
Jesse trat näher. Trotz aller Logik, allem gesunden Menschenverstand, war da etwas in ihm, das mehr wollte. Antworten. Geheimnisse. Vielleicht auch… Freundschaft.
„Kannst du dich bewegen?“ fragte er.
„Nicht effizient. Die linke Beinansteuerung ist beschädigt. Sensoren funktionieren jedoch.“
„Kannst du… aufstehen?“
„Nicht ohne externe Hilfe.“
Jesse schluckte. Er konnte nicht glauben, was er da tat. Aber er bückte sich, schob beide Arme unter die metallene Schulter des Wesens und zog. Der Roboter war schwer – wie eine Waschmaschine mit Muskeln. Doch irgendwie gelang es ihm, ihn halb aufzurichten.
„Danke“, sagte die Stimme. „Ich bin… OZ.“
„OZ?“
„Optimierte Zielstruktur. Version 3.2.“
„Klingt… cool. Ich bin Jesse.“
„Ich registriere. Jesse. Mensch. Männlich. Vierzehn Jahre. Vermutlich amerikanisch. Stimmanalyse legt erhöhte Herzfrequenz nahe.“
„Kein Wunder“, murmelte Jesse. „Ich hab gerade ’nen Roboter im Wald gefunden.“
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Der Weg zurück war eine Herausforderung. Jesse schleppte OZ Stück für Stück durch das Gestrüpp, versteckte ihn bei jedem Geräusch und schob ihn schließlich auf einem alten Schubkarren die letzte Meile. Niemand durfte das sehen. Nicht seine Eltern, nicht die Nachbarn, nicht die Jungs aus der Schule. OZ war… besonders.
In der Garage angekommen, legte Jesse eine alte Decke über ihn. Er fand ein Verlängerungskabel, verband es irgendwie mit dem Rückenmodul des Roboters. Eine kleine LED leuchtete grün.
„Stromversorgung stabilisiert. Danke, Jesse.“
„Kein Ding.“
Er setzte sich auf einen Hocker, starrte OZ lange an. „Wirst du… wieder normal?“
„Ich bin nicht normal.“
Jesse grinste schwach. „Du weißt, was ich meine.“
„Mit ausreichender Energiezufuhr kann ich mich selbst reparieren. Jedoch ist meine Bewegungsfunktion limitiert. Ich benötige Zeit.“
„Und was dann?“
„Dann… bin ich bereit.“
„Wofür?“
„Das… weiß ich noch nicht.“
Jesse schwieg. Es war, als hätte jemand mitten in sein Leben einen Riss geschnitten – durch Schule, Streitereien mit seiner Mom, die dämlichen Sprüche von Jayden. Und durch diesen Riss kam OZ. Kalt. Klug. Und irgendwie… menschlich.
„Was kannst du eigentlich?“ fragte Jesse schließlich.
„Ich kann lernen. Analysieren. Strategien entwickeln. Ich kann Gedanken simulieren und Muster erkennen. Ich kann Probleme lösen.“
„Also alles außer Rennen?“
„Korrekt.“
„Nicht schlecht.“
OZ antwortete nicht. Stattdessen summte leise ein Prozessormodul. Irgendwo knackte eine Leitung.
Draußen fuhr ein Auto vorbei. Jesse duckte sich instinktiv. Niemand durfte wissen, dass OZ hier war. Nicht die Polizei. Nicht die Regierung. Nicht sein Stiefvater.
„Du bleibst hier“, flüsterte Jesse. „Egal was kommt.“
„Ich bleibe.“
Jesse wusste nicht, warum er das sagte. Vielleicht, weil OZ ihm nicht widersprach. Vielleicht, weil OZ ihn ernst nahm. Oder vielleicht, weil OZ ihn nicht ansah wie jemand, der versagt hatte – in der Schule, zu Hause, überall.
Und zum ersten Mal seit Monaten schlief Jesse in dieser Nacht ruhig ein.
Hinweis
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