Zu diesem Buch
20
Kapitel
62
Minuten
15k+
Wörter
18+
Content
Obsidian
Der letzte Kreis
Kapitel 1 – Der Fund
Der Nebel lag schwer über den alten Bahnschienen, als Leona das Tempo ihres Schrittes drosselte. Ihre Finger vergruben sich in den Taschen ihres Mantels, während ihr Blick über das verlassene Gelände glitt. Sie kannte diesen Ort gut – hierher kam sie oft, wenn ihr der Kopf zu schwer wurde von den Stimmen der Stadt, den Floskeln im Büro, dem Flimmern des Bildschirms. Es war dieser seltsame Ort zwischen Vergangenheit und Stillstand, an dem die Zeit sich weigerte, weiterzulaufen.
Der Kies knirschte unter ihren Stiefeln. Ein Schwarm Krähen flog kreischend auf, als sie an einer rostigen Weiche vorbeiging. Sie blieb stehen, sah ihnen nach, wie sie im Nebel verschwanden. Irgendetwas war heute anders. Es war nicht nur der Nebel. Es war eine Art Schwere in der Luft, als würde die Stille selbst etwas verbergen wollen.
Als sie sich weiter bewegte, bemerkte sie es.
Nur ein schwacher Reflex in einer Pfütze. Etwas Metallisches blitzte auf, halb verborgen zwischen Schlamm und Laub. Leona kniete sich hin, zog vorsichtig mit zwei Fingern ein kleines, schwarzes Diktiergerät hervor. Es war feucht, der Aufnahmeknopf beschädigt, aber das Display blinkte schwach.
Neugier verdrängte den Nebel ihrer Gedanken.
Sie drückte Play.
Stille.
Dann knackte es.
Eine Stimme setzte ein – brüchig, aber deutlich.
„Ich weiß nicht, ob das hier jemand hören wird. Wenn doch: Es ist noch nicht vorbei. Der Plan steht. Es muss morgen Nacht geschehen. Niemand darf wissen, was ich getan habe. Niemand…“
Die Stimme brach ab. Dann ein hohes Fiepen, gefolgt von weiteren Worten, diesmal geflüstert:
„Der Schlüssel liegt bei ihr. Wenn sie es findet, ist alles verloren.“
Leona hielt den Atem an.
Die Aufnahme endete abrupt.
Sie drehte das Gerät in der Hand. Kein Name, kein Hinweis. Nur Schlamm und Risse.
Ein Kribbeln zog sich ihren Nacken entlang. Ihre Gedanken rasten. War das ein Scherz? Eine Art Spiel? Oder etwas viel Ernsteres?
Ein Schauer lief ihr über den Rücken, aber sie zwang sich, ruhig zu bleiben. Sie war Kriminalbeamtin, kein Teenager bei einer Mutprobe. Trotzdem… Es fühlte sich an wie der Anfang von etwas. Und dieser Ort war nie Zufall. Jemand hatte das hier bewusst vergraben.
Sie verstaute das Gerät in ihrer Jackentasche und ging schnellen Schrittes zurück zum Auto. Ihre Gedanken überschlugen sich mit jeder Minute, die sie der Stadt wieder näherkam. Der Name auf der Aufnahme ließ sich nicht ermitteln, aber „morgen Nacht“ – das war konkret.
Sie fuhr ins Präsidium, ohne Umweg.
Das Licht im Flur flackerte. Dienstschluss. Nur die Nachtschicht war noch da. Leona nickte der Empfangsdame zu, die gerade einen Kaffee eingoss, und verschwand wortlos in ihrem Büro.
Sie legte das Gerät auf den Tisch, holte ihren Laptop hervor und begann, die Datei zu sichern. Die Stimme war dumpf, verrauscht – aber es war eindeutig dieselbe Person über die gesamte Aufnahme hinweg. Keine Schnitte, keine Manipulation.
Sie öffnete eine neue Fallakte. Interne. Nur für sich.
Betreff: Anonymer Hinweis auf geplantes Verbrechen
Fundort: Alte Bahnschienen, Bezirk 7
Beweismittel: Diktiergerät (Modell Sony B75, beschädigt, aber funktionsfähig)
Inhalt: Unbekannte Person erwähnt geplante Handlung („morgen Nacht“), Warnung über einen Schlüssel bei einer Frau, keine weiteren Details
Sie lehnte sich zurück.
Die Worte hallten in ihrem Kopf nach: „Wenn sie es findet, ist alles verloren.“
Wer war sie?
War es Zufall, dass sie das Gerät gefunden hatte?
Oder war sie damit gemeint?
Leona stand auf, trat ans Fenster. Die Stadt lag ruhig da, eingehüllt in gelbes Laternenlicht und dunkle Dächer. Doch tief unter der Oberfläche regte sich etwas. Etwas, das mit den Jahren begraben worden war. Und nun, mit einem kleinen Klick auf Play, wieder an die Oberfläche kam.
Sie griff nach dem Hörer und wählte eine interne Nummer.
„Tobi, ich brauche dich morgen früh bei mir. Bring deinen Audio-Analyzer mit. Ich hab was Interessantes.“
„Was für ein Fall?“
„Noch keiner. Vielleicht wird er das nie. Aber irgendetwas sagt mir: Der Fall hat uns gefunden.“
Sie legte auf.
Und dann ließ sie das Licht an, obwohl sie nach Hause ging. Nur für den Fall, dass jemand wiederkommen wollte, um zu holen, was er verloren hatte.
Draußen war der Nebel immer noch da. Und irgendwo in ihm schritt jemand durch die Dunkelheit – vielleicht mit leisen Schuhen und dunklen Gedanken.
Leona wusste: Sie war in etwas hineingeraten, das älter war als der heutige Tag. Etwas, das längst vergessen schien. Aber nicht verschwunden war.
Hinweis
Bewertungen sollen sich ausschließlich auf die Geschichte des Buches beziehen – nicht auf die Cameo-Auswahl oder Teilnahme. Wir freuen uns über ehrliches Feedback zur Handlung, den Charakteren oder dem Leseerlebnis. Die Cameo-Chance ist ein zusätzlicher Bonus und spielt in der Bewertung keine Rolle.
