Zu diesem Buch
24
Kapitel
86
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21k+
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Content
Narben aus Beton
Kapitel 1 – Verbotenes Land
Die Nacht lag schwer über der Stadt. Ein feuchter Dunst stieg von den Straßen auf und mischte sich mit dem bitteren Geruch von Diesel und brennendem Müll. In der Ferne knatterten vereinzelte Polizeisirenen, doch niemand schenkte ihnen mehr Beachtung.
Dies war Harlem, 1991. Ein Ort, an dem jeder Block einer anderen Bande gehörte. Und manchmal war ein einziger Schritt zu weit die letzte Entscheidung, die man traf.
Malik zog die Kapuze seines Hoodies tiefer ins Gesicht. Die Straßenlaternen warfen geisterhafte Schatten auf die bröckelnden Häuserfassaden. Neben ihm bewegten sich drei weitere Jungs, alle Mitglieder der Black Vultures. Ihre Bewegungen waren geschmeidig und leise wie die von Raubkatzen.
Sie hatten sich vorgenommen, ihr Revier auszudehnen – auch wenn es bedeutete, in feindliches Gebiet vorzudringen.
„Schneller“, zischte Tyrell, der Anführer der kleinen Gruppe. „Bevor uns jemand sieht.“
Sein Blick huschte nervös über die Straße. Jeder wusste: Die DiBenedetto-Familie war nicht nur stolz, sondern auch gnadenlos, wenn es darum ging, ihr Territorium zu verteidigen.
Malik fühlte sein Herz schneller schlagen. Er war nicht aus Angst hier. Nein, etwas anderes vibrierte in seinen Adern – eine Mischung aus Nervenkitzel und einer seltsamen Vorahnung, dass diese Nacht sein Leben verändern würde.
Sie überquerten eine rostige Brücke, deren Stahlträger wie schwarze Skelette in den Nachthimmel ragten.
Als sie die andere Seite erreichten, änderte sich die Stimmung spürbar. Die Straßen waren sauberer, die Fensterläden neu gestrichen.
Willkommen in Little Italy. Willkommen im verbotenen Land.
„Hier stimmt was nicht“, murmelte Malik und blieb stehen.
Zu ruhig. Keine fluchenden Passanten, keine hupenden Autos. Nur Stille, die sich wie ein unsichtbares Netz um sie legte.
„Du hast Schiss?“ spottete Tyrell leise.
Malik antwortete nicht. Seine Instinkte schrien. Er spürte die Gefahr, noch bevor sie sich materialisierte.
Plötzlich – Stimmen. Hart, fordernd, auf Italienisch gemischt mit Englisch.
Aus einer dunklen Gasse traten fünf Männer. Lederjacken, Goldketten, kalte Blicke.
Mitten unter ihnen ein junger Mann, der sich durch nichts von den anderen unterschied – und doch blieb Malik an ihm hängen.
Antonio.
Er hatte dunkles Haar, das unordentlich in die Stirn fiel, und Augen, die wie Blitze unter schweren Lidern funkelten.
Für einen Moment – einen einzigen Herzschlag – schien die Welt stillzustehen.
Antonio sah Malik direkt an. Keine Angst. Keine Verachtung. Nur Neugier. Etwas wie... Verstehen.
Tyrell machte den ersten Schritt nach vorn.
„Verpisst euch. Das ist unser Block jetzt.“
Seine Stimme hallte zwischen den Häusern wider.
Einer der Italiener, breitschultrig und bullig, trat vor.
„Euer Block?“ Er lachte hart. „Hier werdet ihr höchstens begraben.“
Eine Sekunde lang schien alles zu explodieren. Fäuste flogen. Flüche gellten durch die Nacht.
Malik duckte sich instinktiv unter einem Haken durch und landete einen schnellen Treffer in die Rippen eines Angreifers.
Aus dem Augenwinkel sah er Antonio, der gegen Tyrell kämpfte – oder besser: sich verteidigte.
Tyrell holte mit einem abgebrochenen Besenstiel aus. In einer fließenden Bewegung stürzte Malik dazwischen, blockte den Schlag mit seinem Unterarm und stieß Tyrell weg.
Es war keine bewusste Entscheidung gewesen. Instinkt.
Für einen Moment war alles Chaos. Dann hörten sie es – Reifen quietschten, Blaulicht flammte auf.
„Cops!“ schrie jemand.
Alle lösten sich augenblicklich voneinander. Die Vultures rannten zurück über die Brücke. Die DiBenedettos verschwanden in die entgegengesetzte Richtung.
Malik hechelte, als er sich in eine Seitengasse warf. Sein Herz raste. Seine Gedanken auch.
Warum hatte er Antonio beschützt?
Was zum Teufel war gerade passiert?
Tyrell packte ihn grob am Arm.
„Was war das da, Malik? Warum hast du mich weggestoßen?“
Malik schüttelte ihn ab.
„Ich wollte keinen Mord auf der Straße riskieren, verdammt. Schon mal dran gedacht?“
Tyrell kniff die Augen zusammen, sagte aber nichts. Er wusste, dass mehr dahintersteckte. Er spürte es.
Doch jetzt war nicht der Moment.
„Wir gehen zurück“, knurrte Tyrell. „Aber das war erst der Anfang.“
Malik ließ sich zurückfallen, während die anderen weitergingen.
Er drehte sich ein letztes Mal um. Blickte über die Schulter auf die Straßen von Little Italy.
Irgendwo da draußen war Antonio. Und Malik wusste, dass dies nicht das letzte Mal gewesen war, dass sich ihre Wege kreuzten.
In der Ferne brannte der Himmel über Harlem rot.
Die Nacht hatte gerade erst begonnen.
Hinweis
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