Zu diesem Buch
25
Kapitel
92
Minuten
23k+
Wörter
16+
Content
Kein Weg zurück
Kapitel 1 – Der Tag, an dem das Licht ausging
Die Sonne brannte milde über den Vororten von Portland, als Nate die Einkaufstüten in den Kofferraum seines alten Jeeps hob. Es war ein gewöhnlicher Samstagmorgen, wie so viele zuvor. Die Straßen waren ruhig, Kinder fuhren Fahrrad, irgendwo bellte ein Hund. Doch tief in seinem Bauch spürte Nate etwas Ungewöhnliches. Nicht Angst. Mehr wie… eine Vorahnung.
Er war kein abergläubischer Mensch. Eher der Typ, der lieber eine Liste schreibt, als auf ein Bauchgefühl zu hören. Trotzdem war da dieses Kribbeln im Nacken, während er den Kofferraum schloss und sich zur Fahrerseite bewegte.
Auf dem Rückweg zum Haus fuhr er am Park vorbei. Seine Tochter Emily spielte dort mit einem roten Ball, den sie mit sich herumtrug, seit sie denken konnte. Ihre Mutter Claire saß auf der Bank mit dem Rücken gerade und dem Blick wachsam auf ihre Tochter gerichtet. Neben ihr saß Tyler, der dreizehnjährige Sohn, und starrte aufs Handy, Daumen in Bewegung. Eine typische Szene. Doch es war das letzte Mal, dass sie Normalität sahen.
•
Zuhause angekommen, begannen sie, die Vorräte zu verstauen. Konserven, Wasser, haltbare Lebensmittel. Nate hatte vor Monaten mit einem Notvorrat begonnen, nachdem er einen Artikel über mögliche Blackouts gelesen hatte. Claire hatte ihn damals ausgelacht. Jetzt wirkte das alles plötzlich nicht mehr so absurd.
Tyler murmelte unbeeindruckt: „Kein Empfang. Schon wieder.“
„Vielleicht hast du dein Datenvolumen aufgebraucht“, sagte Claire, während sie eine Packung Reis in den Vorratsschrank stellte.
„Nee. Alles tot“, sagte Tyler und hielt das Handy hoch. „WLAN geht auch nicht.“
Nate blickte zum Router. Die Leuchten blinkten nicht. Komisch. Er ging zum Fenster, sah auf die Straße hinaus. Ein Nachbar stand auf dem Gehweg, tippte auf sein Handy, schüttelte den Kopf.
Dann fiel das erste Geräusch aus. Der Kühlschrank brummte nicht mehr. Eine Stille breitete sich aus, die unnatürlich wirkte. Keine Klimaanlage. Kein Summen. Nichts.
Nate ging zum Lichtschalter. Klick. Kein Licht. Noch mal. Nichts.
„Claire… ich glaub, das ist nicht nur unser Haus.“
Sie ging zu ihm, sah aus dem Fenster. Die Straßenlaternen waren tot. Kein Motorengeräusch, kein Fernseher im Nachbarhaus, der sonst immer lief. Alles stand still.
„Vielleicht nur ein lokaler Stromausfall“, sagte sie. Doch ihre Stimme war nicht überzeugt.
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In den nächsten Stunden verdichteten sich die Hinweise: Die Radios blieben stumm. Der Fernseher zeigte nur ein statisches Rauschen. Nate startete sein Auto – nichts. Batterie tot? Nein. Etwas Größeres. Die Häuser in der ganzen Nachbarschaft wirkten wie eingefroren.
Ein älterer Mann mit einem Kurbelradio hatte sich auf der Straße eingefunden. Um ihn herum sammelten sich mehrere Anwohner.
„Nichts“, sagte er. „Kein Empfang. Gar nichts.“
Ein nervöser Teenager fragte: „Aber das Netz kommt doch wieder zurück, oder?“
Der Alte antwortete nicht. Nur sein Blick sagte alles.
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Am Abend saßen Claire, Nate, Emily und Tyler um einen Kerzenschein. Die Luft war still, das Haus schien plötzlich riesig und verwundbar. Der Strom war nicht zurückgekommen. Das war nicht normal.
„Was ist, wenn das überall so ist?“ fragte Tyler.
„Dann warten wir ab. Vielleicht ist morgen alles wieder normal“, sagte Claire.
Nate starrte aus dem Fenster. „Oder eben nicht.“
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Die Nacht war lang. Fremde Geräusche drangen durch die Fenster. Klirrendes Glas. Hupen, obwohl keine Fahrzeuge fuhren. Schreie, entfernt.
Emily kroch zwischen Claire und Nate ins Bett. Ihre kleine Hand klammerte sich an Claires Arm.
„Warum ist es so dunkel, Mama?“
Claire antwortete nicht sofort. Dann flüsterte sie: „Weil die Welt heute schlafen gegangen ist, Schatz.“
Aber Nate wusste, das war nicht Schlaf. Das war der Anfang vom Ende.
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Am nächsten Morgen war die Welt noch immer ohne Strom. Nate ging zu Fuß zum Supermarkt. Dort hatte sich eine kleine Menschenmasse gebildet. Einige standen still, andere begannen bereits, Fenster einzuschlagen. Mitarbeiter versuchten, sie aufzuhalten, doch ohne Technik – keine Scanner, kein Licht – waren sie machtlos.
„Wir wollen nur was zu essen!“ schrie eine Frau. „Unsere Kinder haben Hunger!“
Ein Mann mit Baseballmütze warf einen Stein gegen die Eingangstür.
Nate drehte sich um. Er wollte nicht Teil dieses Moments sein. Noch war es zu früh, sich zu beugen. Noch war nicht alles verloren.
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Wieder zu Hause, besprach er mit Claire die Lage. „Wir müssen davon ausgehen, dass das länger dauert. Vielleicht… Monate.“
„Das ist verrückt.“
„Nein. Das hier… ist der Zusammenbruch.“
Tyler unterbrach: „Und was machen wir dann?“
„Wir bleiben ruhig“, sagte Nate. „Wir rationieren. Und wir planen.“
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Zwei Tage später war Portland eine andere Stadt. Müll türmte sich in den Straßen. Menschen durchsuchten Häuser. Polizei? Keine Sicht. Sirenen? Nicht eine einzige. Krankenwagen fuhren nicht mehr. Alles war zusammengebrochen.
Die Vorräte gingen schnell zur Neige. Der Kühlschrank stank nach Verwesung. Trinkwasser wurde zur Priorität.
Nate sprach aus, was beide bereits dachten: „Wir können hier nicht bleiben.“
Claire schüttelte den Kopf. „Wohin denn?“
„Mein Bruder hat eine Farm in Kalifornien. Nah an der Küste. Ein paar Kilometer nördlich von Mendocino. Er hat Solarzellen. Brunnen. Er ist vorbereitet.“
„Das sind… hunderte Meilen.“
„Wir gehen zu Fuß. Immer an der Küste entlang. Dort gibt’s wenigstens Wasser und Fisch.“
„Mit zwei Kindern?“
„Hast du eine bessere Idee?“
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Noch in derselben Nacht hörten sie Schüsse in der Ferne. Ein Haus in der Nachbarschaft stand in Flammen. Die Dunkelheit machte die Dinge nicht leiser – nur gefährlicher.
Tyler sagte nichts. Er sah Nate an. Und in seinem Blick lag etwas Neues: kein Trotz, kein jugendlicher Widerstand – sondern Respekt. Und Angst.
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Am nächsten Morgen begannen die Vorbereitungen. Rucksäcke wurden gepackt. Konserven, Verbandsmaterial, ein paar Messer, Feuerzeuge. Ein kleiner Wasserfilter. Mehr hatten sie nicht. Nate suchte die alten Wanderschuhe heraus. Claire fand eine Karte in der Garage. Papier, keine App. Kein GPS.
Emily schnallte sich ihren roten Ball an den Rucksack.
„Warum nimmst du den mit?“ fragte Tyler.
„Weil er uns beschützt“, sagte sie und blickte dabei vollkommen ernst.
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Als sie das Haus verließen, drehte sich niemand um. Kein letzter Blick. Nur ein fester Schritt. Nate ging voran, Claire hinter ihm. Die Kinder in der Mitte.
Die Welt war nicht mehr ihre Heimat. Und Portland war nur der Anfang.
Hinweis
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