Zu diesem Buch
20
Kapitel
71
Minuten
17k+
Wörter
14+
Content
Kairo – Fragment 7
Kapitel 1 – Der Ruf
Der Wind fegte unruhig über die flachen Ebenen des Lukanischen Tals, wo das kleine Dorf Tenhiro inmitten von Feldern, Wäldern und schroffen Hügeln lag. Der Himmel war klar, doch eine seltsame Spannung lag in der Luft – als würde etwas in den Tiefen der Welt erwachen.
Kairo hockte auf einem knorrigen Ast des alten Wüstenahorns hinter dem Haus seines Großvaters. Mit zerzaustem Haar, schmutzigen Händen und einem Stab aus Eschenholz, den er selbst geschnitzt hatte, beobachtete er das Treiben auf dem Dorfplatz. Händler bauten ihre Stände auf, Kinder rannten zwischen den Brunnen umher, und das Klopfen von Hämmern erfüllte die Luft.
Für alle anderen war es ein gewöhnlicher Tag. Für Kairo nicht.
Etwas in ihm war unruhig, ein seltsames Dröhnen tief im Bauch, das nicht von Hunger kam. In den letzten Wochen hatte er Träume – von schwarzen Silhouetten, von einer goldenen Tür, von seinem eigenen Spiegelbild, das ihn warnte. Er hatte mit niemandem darüber gesprochen. Wer würde schon einem Waisenjungen zuhören, der mit seinem Großvater am Rande der Welt lebte?
„Du sitzt da oben wie ein Krähenjunges“, rief eine Stimme von unten. Es war Torin, sein bester – und vielleicht einziger – Freund im Dorf. „Dein Opa sucht dich. Er meint, du sollst bei der Holzarbeit helfen.“
Kairo seufzte und sprang mit einem Satz vom Baum. „Ich komm ja schon.“
Gemeinsam liefen sie den Pfad entlang zum alten Werkhaus. Der Boden war von den letzten Regengüssen aufgeweicht, und die Luft roch nach feuchtem Moos und alter Rinde. Als sie das Gebäude erreichten, stand sein Großvater draußen, die Ärmel hochgekrempelt, mit einem Beil in der Hand.
„Kairo, die Lieferung nach Kaheera muss morgen los. Helf mir beim Stapeln“, sagte der alte Mann knapp, ohne aufzusehen.
Kairo nickte gehorsam. Er mochte seinen Großvater, auch wenn dieser selten lächelte. Der alte Raska hatte viel erlebt, das spürte man. Und manchmal – ganz selten – hatte er diesen wehmütigen Blick, als wüsste er etwas über die Welt, das niemand sonst kannte.
Sie arbeiteten schweigend, Holzscheit für Holzscheit. Als die Sonne den höchsten Punkt erreichte, vibrierte plötzlich der Boden. Nur ganz leicht, aber spürbar.
Kairo hielt inne. „Hast du das…?“
Raska ließ das Beil fallen. „Ins Haus. Sofort.“
Torin runzelte die Stirn. „Was war das?“
Doch ehe einer antworten konnte, zerschnitt ein tiefer, grollender Laut die Stille – wie ein gewaltiger Atemzug aus dem Erdinnern. Vögel stoben in alle Richtungen, Tiere flohen aus den Wäldern. Über den Hügeln war eine dunkle Wolke aufgestiegen, schwarzrot wie glühende Kohle.
Und dann sahen sie ihn.
Ein Wesen, das kaum in Worte zu fassen war – halb Nebel, halb Rüstung, mit rot glühenden Adern, die unter der Oberfläche pulsierten. Es hatte keine klaren Augen, nur ein Schlitz, aus dem reines Licht strahlte. Es bewegte sich nicht wie ein Tier, sondern wie etwas, das nie für diese Welt bestimmt war.
„Vexar“, flüsterte Raska mit heiserer Stimme. „Das darf nicht sein.“
Kairo spürte, wie sein Herz raste. Doch gleichzeitig – und das war das Seltsame – fühlte er sich wie angezogen. Das Zittern in seinem Inneren wurde stärker. War das... Angst? Oder war es mehr?
Das Wesen drehte sich langsam in ihre Richtung. In diesem Moment zerbarst die Luft – Druckwellen rissen Bäume um, Fenster splitterten. Menschen schrien, rannten in alle Richtungen.
Und Kairo stand da, wie versteinert.
„Lauf!“, brüllte Raska und schob ihn mit ganzer Kraft zur Seite. „Bring dich in Sicherheit!“
Torin zog an seinem Arm, doch Kairo bewegte sich nicht. Stattdessen war da eine Stimme. Nicht laut – sondern direkt in seinem Kopf.
„Erkenne dich. Öffne mich.“
Kairo schrie auf, hielt sich die Ohren, obwohl der Ton nicht von außen kam. Die Umgebung verschwamm, als würde die Welt um ihn flüssig werden. Alles Licht wich einer tiefen, silbernen Dunkelheit.
Dann sah er sie – sieben Lichter in einem Kreis. Fragmente, splitternd und schwebend in der Leere. Und in der Mitte: eine Tür, riesig, aus schwarzem Metall, mit Symbolen, die sich ständig veränderten. Er fühlte, dass sie etwas Uraltes verschloss. Etwas, das nicht geöffnet werden durfte.
Ein grelles Blitzen. Dann wurde alles schwarz.
Als Kairo wieder zu sich kam, war das Dorf in Trümmern. Der Boden war aufgerissen, Rauch lag in der Luft. Menschen lagen verletzt am Boden, viele Häuser brannten. Von Vexar keine Spur.
Raska lag regungslos auf dem Boden. Kairo rannte zu ihm, schüttelte ihn.
„Großvater! Bitte!“
Doch er war leblos. Seine Hand war jedoch um etwas gekrampft – ein kleiner, goldener Anhänger in Form eines Auges. Kairo nahm ihn, Tränen liefen über sein Gesicht.
„Warum…“, flüsterte er.
Hinter ihm knirschte es im Schutt. Eine Frau trat hervor – groß, mit weißem Haar und einem langen Umhang aus dunklem Leder. In ihrer Hand blitzte ein Speer mit blauer Klinge.
„Du hast überlebt“, sagte sie ruhig. „Dann bist du wirklich einer von uns.“
Kairo blickte auf, zitternd. „Wer… bist du?“
Sie kam näher. „Mein Name ist Selyra. Und du, Kairo von Tenhiro… du bist jetzt ein Fragmentträger.“
Hinweis
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