Zu diesem Buch
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Kapitel
194
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Wörter
↓8
Content
Kapitel 1 – Der seltsame Sommermorgen
Die Sonne schob sich langsam über den Horizont, und ein warmer Wind strich sanft durch die hohen Grashalme, die sich wie eine grüne Welle über Nikos Garten erstreckten. Der Duft von frischem Gras und nasser Erde lag in der Luft, und irgendwo in der Ferne hörte man das leise Summen von Bienen, die bereits von Blüte zu Blüte flogen, um ihren Tag zu beginnen. Es war einer dieser Sommermorgen, an denen die Welt friedlich und vertraut wirkte, als gäbe es nichts, was die Ruhe dieses Tages stören könnte.
Niko stand am Rand der Terrasse, barfuß, mit einem halb aufgegessenen Stück Toast in der Hand, und blickte in den Garten, während er auf seine Freunde wartete. Er hatte das Gefühl, dass heute irgendetwas Besonderes passieren würde, auch wenn er nicht sagen konnte, warum. Die Luft fühlte sich anders an, elektrischer, fast so, als ob die Welt stillstehen würde, nur um für einen kurzen Moment tief durchzuatmen, bevor etwas Unerwartetes geschah.
Kurz darauf kam Tara durch das Gartentor, die ihre langen, dunklen Haare zu einem lockeren Zopf gebunden hatte und in der einen Hand einen Rucksack trug, der halb offen stand, sodass bunte Schnüre und ein zerknittertes Notizbuch herausragten. „Du glaubst nicht, was ich gestern gelesen habe“ sagte sie, noch bevor sie richtig im Garten stand, und ihre Stimme war voller Aufregung. „Es geht um elektromagnetische Blitze, die angeblich ganze Systeme durcheinanderbringen können, wenn sie nah genug einschlagen.“
Niko grinste nur, biss noch einmal in seinen Toast und meinte: „Dann hoffen wir mal, dass keiner hier einschlägt. Ich habe keine Lust, als gegrillter Toast zu enden.“
Während sie beide lachten, kamen Samir und Kimi um die Ecke gerannt, wie immer in einem Wettrennen, das keiner der beiden je offiziell ausgerufen hatte, das aber jedes Mal automatisch begann, sobald sie sich sahen. Samir, mit seinen kurzen, lockigen Haaren und dem breiten Grinsen, war meistens derjenige, der riskante Ideen hatte, während Kimi, der ein bisschen kleiner war und ständig über seine eigenen Füße stolperte, die meiste Zeit damit verbrachte, hinterherzueilen.
„Wer zuerst bei der Hängematte ist, bekommt die letzte Dose Cola!“ rief Samir und verschwand schon halb hinter der Gartenlaube.
„Die hast du doch gar nicht!“ keuchte Kimi, der trotzdem alles gab, um mitzuhalten.
Wenige Minuten später stießen auch Yannic und Selin zu ihnen. Yannic schleppte eine kleine Kiste voller Kaugummis und Chips, und Selin, die ein T-Shirt mit einem selbst gemalten Drachen trug, hatte einen Stapel Papier dabei, auf dem man bereits von weitem wilde Kritzeleien erkennen konnte.
„Also“, begann Selin, kaum dass sie sich gesetzt hatten, „ich habe gestern Nacht an einer Geschichte geschrieben, und es geht um Kinder, die plötzlich geschrumpft werden, weil sie eine verborgene Energiequelle gefunden haben. Und jetzt pass auf, das Lustige ist: Die Welt sieht für sie plötzlich riesig aus. Alles ist anders. Selbst Ameisen sind gefährlich.“
„Das klingt cool“, sagte Niko, der seinen Toast inzwischen aufgegessen hatte. „Aber zum Glück passiert sowas nur in Geschichten.“
Kaum hatte er den Satz ausgesprochen, veränderte sich die Stimmung im Garten. Ein tiefes, vibrierendes Grollen kam von irgendwo in der Ferne, obwohl kein Wölkchen am Himmel zu sehen war. Es war kein typisches Donnergrollen, sondern ein langgezogenes, elektrisches Summen, das durch den Boden vibrierte und sich bis in ihre Füße zog.
„Habt ihr das gehört?“ fragte Tara leise und sah sich um, als würde sie erwarten, dass gleich irgendetwas aus dem Himmel fällt.
„Vielleicht ist das nur ein Traktor auf dem Feld“, schlug Yannic vor, doch seine Stimme klang nicht sonderlich überzeugt.
Plötzlich blitzte ein grelles Licht auf, so hell, dass sie alle für einen Moment die Augen schließen mussten. Ein einzelner, scharfkantiger Knall folgte, so laut, dass selbst die Vögel verstummten. Ein kleiner, glühender Funke schlug keine zehn Meter von ihnen entfernt in den Boden ein und ließ die Erde kurz erzittern.
„Das… das war kein Traktor“ murmelte Samir, während er langsam einen Schritt zurückwich.
Alle sechs Kinder starrten auf die Stelle, an der der Blitz eingeschlagen war. Dort, zwischen den Grasbüscheln, schimmerte nun etwas Merkwürdiges, fast wie eine kleine Kristallkugel, die in allen Farben funkelte.
„Das sieht irgendwie gefährlich aus“, sagte Tara vorsichtig.
„Oder wie ein Schatz!“ rief Kimi, der sofort loslief, bevor ihn jemand stoppen konnte.
„Kimi! Warte!“ schrie Selin, aber da war er schon bei dem Kristall angekommen. Er beugte sich herunter, streckte die Hand aus und berührte das seltsame Ding mit den Fingerspitzen.
Im selben Moment passierte es.
Ein schriller Ton durchbohrte die Luft, und ein seltsames Kribbeln breitete sich in ihren Körpern aus, als hätte jemand einen unsichtbaren Stromschalter umgelegt. Der Boden unter ihnen begann zu zittern, und bevor sie begriffen, was geschah, verschwamm die Welt vor ihren Augen, wurde größer und größer – oder sie wurden kleiner.
„Was… was passiert mit uns?“ keuchte Tara, die versuchte, aufrecht stehen zu bleiben, während ihr Gleichgewicht sie fast im Stich ließ.
„Wir… wir schrumpfen!“ rief Niko, als er sah, wie die Grashalme um ihn herum plötzlich zu gigantischen Türmen wurden.
Es dauerte nur wenige Sekunden, dann war es vorbei. Sie standen da, starrten einander an – und merkten, dass sie nicht größer als fünf Zentimeter waren. Der Garten, der eben noch wie ein vertrauter Ort gewirkt hatte, war nun eine wilde, ungezähmte Welt. Grashalme ragten wie Bäume auf, kleine Käfer krochen vorbei, die nun so groß wie Hunde wirkten, und selbst eine winzige Pfütze sah aus wie ein See.
„Das… das ist unmöglich“, flüsterte Selin und hielt ihre Hände vors Gesicht, als wollte sie prüfen, ob sie sich das alles nur einbildete.
Doch es war keine Einbildung. Alles war real. Jeder Atemzug fühlte sich anders an, schwerer, voller Gerüche, die sie vorher nie bemerkt hatten: feuchter Boden, süßer Blütenduft, harziger Baumsaft.
Plötzlich hörten sie ein tiefes Rascheln in der Nähe. Zwischen zwei gigantischen Grashalmen bewegte sich etwas. Ein Schatten tauchte auf, und Sekunden später kroch eine Ameise hervor – größer als Nicos Handfläche, mit glänzenden Fühlern und kräftigen Mandibeln, die bedrohlich klickten.
„Lauf!“ schrie Yannic und riss Selin mit sich.
Die Gruppe stürmte los, stolperte über kleine Wurzeln, rutschte über feuchte Erde und drängte sich durch dichtes Gras. Das Summen von Flügeln und das Rascheln kleiner Körper begleitete sie. Der Garten, der eben noch ihr Spielplatz gewesen war, hatte sich in einen wilden, gefährlichen Dschungel verwandelt.
Nach einigen Minuten erreichten sie eine kleine Senke zwischen zwei gewaltigen Löwenzahnblättern. Dort keuchten sie schwer und versuchten, ihre Gedanken zu ordnen.
„Wir müssen… wir müssen herausfinden, was hier passiert ist“, sagte Tara, immer noch völlig außer Atem. „Dieser Kristall muss irgendetwas damit zu tun haben.“
„Oder der Blitz“, warf Selin ein, deren Hände vor Aufregung zitterten. „Vielleicht hat er irgendetwas aktiviert. So eine Art Energie…“
„Egal was es war“, unterbrach Niko, „wir müssen einen sicheren Ort finden. Hier draußen sind wir nicht allein.“
Während er sprach, warf er einen Blick nach oben. Zwischen den gewaltigen Grashalmen bewegte sich etwas – groß, schnell und geflügelt. Für einen winzigen Moment sah er das glänzende Schimmern eines Flügelpaars in der Sonne, bevor es wieder verschwand.
Ein seltsames Gefühl legte sich über die Gruppe, ein Mix aus Angst, Faszination und dem vagen Wissen, dass dies erst der Anfang ihres Abenteuers war.
Der Garten war kein Garten mehr.
Er war eine neue Welt.
Und diese Welt war gefährlich.
„Wir müssen zusammenhalten“, sagte Niko schließlich und ballte die Fäuste. „Egal, was passiert.“
Die anderen nickten. Niemand von ihnen wusste, wie groß diese Welt wirklich war oder welche Gefahren auf sie warteten. Aber eins war klar: Von jetzt an musste jeder Schritt durchdacht sein, denn ein Fehler konnte tödlich enden.
Ganz in der Ferne donnerte es erneut, leise, kaum hörbar, aber bedrohlich. Und irgendwo im dichten Grün funkelte der kleine Kristall noch immer geheimnisvoll.
Hinweis
Bewertungen sollen sich ausschließlich auf die Geschichte des Buches beziehen – nicht auf die Cameo-Auswahl oder Teilnahme. Wir freuen uns über ehrliches Feedback zur Handlung, den Charakteren oder dem Leseerlebnis. Die Cameo-Chance ist ein zusätzlicher Bonus und spielt in der Bewertung keine Rolle.
