Zu diesem Buch
24
Kapitel
84
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16+
Content
Dunkelstille
Kapitel 1 – Der Tag, der zu früh endete
Collombre war keine Stadt, die man auf einer typischen Frankreich-Karte sofort entdeckte. Eingebettet zwischen den letzten Ausläufern der Pyrenäen und dem azurblauen Band der Mittelmeerküste, war sie eine jener Grenzstädte, in der Zeit scheinbar stehen geblieben war. Ein Ort, in dem man sich kannte, wo das Leben in gemächlichen Bahnen verlief und wo sich die Bewohner darauf verließen, dass die Natur ihren festen Rhythmus beibehielt.
Am Morgen jenes Tages, den später viele nur noch „die erste Dämmerung“ nannten, wirkte alles wie immer. Der Markt auf dem Place de la Fontaine war gefüllt mit Stimmen, das Quietschen alter Holzwagen, das Bimmeln der Ziegenglocken aus dem Umland – all das webte ein vertrautes Klangbild, das Sicherheit versprach. Die Sonne stieg langsam über die Dächer und ließ die weißen Fassaden der Altstadt golden leuchten.
Léa Lafont, eine junge Frau mit wachen, nachdenklichen Augen, war unterwegs zur Bäckerei. Sie trug ihren üblichen Jeansmantel und hatte ihre dunklen Locken zu einem unordentlichen Zopf gebunden. Während sie durch die Gassen schlenderte, beobachtete sie die Schatten. Sie waren länger als sonst. Sehr viel länger. Und das schon kurz nach zehn Uhr morgens.
„Hast du gesehen, wie komisch das Licht heute ist?“ rief ihr Benoît zu, ein Schulfreund, der seinen Gemüsestand aufbaute. Léa blieb kurz stehen, blickte zum Himmel. Die Sonne stand tief – zu tief. Doch sie zuckte nur mit den Schultern.
„Vielleicht zieht ein Sturm auf“, sagte sie. Doch selbst während sie es sagte, glaubte sie es nicht.
Ihr Vater, Gérard Lafont, war pensionierter Astronom. Nach dem Tod ihrer Mutter lebten sie allein in dem alten Steinhaus am Rande von Collombre. Gérard war ein stiller Mann, doch seine Leidenschaft für Sterne und Zyklen war ungebrochen. Als Léa gegen Mittag nach Hause kam, saß er bereits mit seinem kleinen Fernrohr im Garten.
„Papa“, sagte sie vorsichtig. „Die Sonne… Sie wirkt falsch.“
Er drehte sich langsam zu ihr um. Sein Blick war nachdenklich, fast abwesend. „Ich weiß.“
Sie setzte sich neben ihn auf die alte Holzbank. Die Zitronenbäume warfen lange, tanzende Schatten auf den Kiesweg. Gérard zeigte stumm auf das Notizbuch in seinem Schoß. Darin: handschriftliche Aufzeichnungen mit Uhrzeiten und Sonnenstandswerten.
„Seit drei Tagen verliert die Tageslichtzeit täglich etwa vier Minuten“, murmelte er. „Aber heute… es waren fast zwölf Minuten. Und es ist Frühling, Léa. Es sollte heller, nicht dunkler werden.“
Léa spürte, wie sich in ihrem Bauch eine Unruhe zusammenballte. „Vielleicht… ein technischer Fehler in den Satellitendaten?“
Gérard schüttelte den Kopf. „Ich messe selbst. Analog. Ohne Filter.“
Gegen 15:23 Uhr wurde es plötzlich dämmrig. Vögel begannen zu schweigen. Die Marktschirme wurden abgebaut, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Und dann, noch bevor es 16 Uhr schlug, war es Nacht.
Die Menschen von Collombre standen auf Balkonen, in Gärten, auf Straßen. Über ihnen – der schwarze, sternenlose Himmel. Kein Orange, kein sanftes Violett. Einfach nur Dunkelheit.
Ein Kind begann zu weinen. Dann ein zweites. Ein alter Hund bellte ohne Pause. In der Ferne heulten Sirenen – vielleicht ein Unfall, vielleicht Panik. Niemand wusste es. Léa aber stand auf dem Dach ihres Hauses und starrte in die Schwärze.
Sie versuchte, die Sterne zu erkennen. Doch es war, als hätte jemand das Universum selbst ausgelöscht. Keine Lichter. Keine Richtung. Nur das Summen der Stille.
Gérard trat neben sie. „Es ist nicht nur hier“, sagte er leise. „Ich habe Mails von alten Kollegen aus Kanada, Südafrika, Finnland. Überall berichten sie von dem gleichen Phänomen.“
„Wird darüber in den Nachrichten gesprochen?“
Er zögerte. „Noch nicht offen. Nur Andeutungen. Man will wohl keine Panik.“
„Aber es ist doch offensichtlich!“
Er legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Nicht jeder sieht. Du schon.“
Diese Worte hallten in ihr nach, lange, nachdem sie wieder im Wohnzimmer saß, eine Tasse Kamillentee in der Hand, während draußen die Nacht sich anfühlte wie ein Vorhang aus kaltem Blei.
Am nächsten Morgen ging die Sonne erst um 8:45 Uhr auf – statt wie sonst um 6:52. Und auch dann war sie blass. Schwach. Als wüsste sie nicht, ob sie sich zeigen sollte.
Die Welt begann zu reagieren. Nachrichtenagenturen meldeten „Unregelmäßigkeiten in der solaren Strahlung“, Wetterdienste veröffentlichten verwirrte Diagramme. Auf sozialen Medien schossen Theorien ins Kraut: von Sonnenstürmen, Zeitverzerrung, bis zu göttlicher Strafe. Es war der Beginn einer globalen Nervosität.
In Collombre jedoch begann man zu flüstern. Von einer Legende, die einst in den Bergen erzählt wurde. Von einem Zeitalter, in dem das Licht verschwand und nur eine „Hüterin“ es zurückbringen konnte.
Léa dachte an den alten Mann auf dem Markt, der sie beim letzten Fest schräg angeschaut hatte. Er hatte geflüstert: „Du wirst wissen, wann es beginnt.“ Damals hatte sie es als Schwachsinn abgetan. Jetzt fragte sie sich, ob es eine Warnung war.
Am Abend desselben Tages – der nun nur noch aus vier Stunden Licht bestand – ging Léa allein durch die Rue des Lavandières. Dort, wo früher ihre Mutter ihr Geschichten erzählte. Von Zeiten, in denen die Welt noch magisch war. Damals hatte sie gelacht. Heute fühlte es sich realer an als je zuvor.
Am Ende der Gasse saß ein alter Mann auf einer Bank. Er war blind, trug eine blassgrüne Decke über den Schultern, als wäre er Teil der Szenerie. Als sie an ihm vorbeiging, sprach er:
„Hüterin.“
Sie blieb stehen. Ihre Kehle wurde trocken. „Wie bitte?“
Er hob den Kopf leicht. „Du siehst es, nicht wahr? Das Sterben des Lichts.“
„Wer… wer sind Sie?“
„Nur ein Beobachter. Doch du, Mädchen, du musst wählen. Licht… oder Erinnerung.“
Léa wich zurück. „Ich verstehe nicht.“
„Noch nicht. Aber bald. Wenn die Schatten ihre Namen sprechen.“
Er lächelte. Und sein Lächeln war traurig. Dann schwieg er. Und Léa wusste, dass sie etwas wachgerüttelt hatte, das nicht mehr schlafen würde.
In der Nacht träumte sie von goldenen Fäden, die durch die Erde zogen – und von dunklen Messern, die sie durchtrennten.
Und irgendwo, jenseits von allem, flüsterte eine Stimme: „Wir sind zurück.“
Hinweis
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