Zu diesem Buch
26
Kapitel
85
Minuten
21k+
Wörter
16+
Content
Die letzten von Noctua
Kapitel 1 – Ankunft in der Wildnis
Der Helikopter vibrierte unter den Sitzen, während sich unter den dicken Plexiglasscheiben endlose Wälder erstreckten – grün, wild und ohne erkennbare Zeichen von Zivilisation. Kanada, irgendwo zwischen Yukon und Alberta, ein Ort, den man auf keiner Touristenkarte fand.
Julien Moreau, der Mann mit dem wettergegerbten Gesicht und der ruhigen Stimme, warf einen kurzen Blick auf seine sechs Begleiter. In der Enge der Maschine konnten sie sich kaum bewegen. Doch selbst ohne Worte war die Nervosität spürbar.
Lucie, die Influencerin mit pinken Haarsträhnen, kaute ununterbrochen auf ihrer Unterlippe herum und filmte sich heimlich mit ihrem Smartphone. "First day of real survival, guys!" hatte sie vor wenigen Minuten gehaucht.
Émile, bleich, mit einem digitalen Kompass an der Jacke, versuchte, den Flug zu tracken, aber sein GPS war längst ausgestiegen. Neben ihm saß Camille – ruhig, sachlich, medizinisch interessiert. Sie hatte seit dem Boarding in Québec kaum ein Wort verloren.
Victor, kräftig gebaut, still, hatte seit dem Start den Blick auf das Fenster geheftet. Daneben Paul, ein ehemaliger Bankangestellter, der immer wieder versuchte, ein Gespräch zu starten. "Denkst du, wir kriegen heute noch was Warmes zu essen?" hatte er Julien gefragt, aber der Coach hatte nur geschwiegen.
Und zuletzt war da noch Anna, sportlich, zielstrebig, ihre Augen wachsam. Sie schien die Einzige zu sein, die wirklich wusste, worauf sie sich eingelassen hatte.
Plötzlich senkte sich der Helikopter, das Dröhnen wurde dumpfer. Julien machte eine Handbewegung – still bleiben. Durchs Headset kam die Stimme des Piloten: „Fünf Minuten. Dann seid ihr allein.“
Der Landeplatz war kaum mehr als eine Lichtung. Der Helikopter setzte mit einer kurzen Erschütterung auf, Schnee wirbelte auf, als die Rotorblätter weiterdrehten. Ohne viele Worte öffnete sich die Seitentür.
Julien sprang als Erster hinaus, rollte das Seil mit einem Ruck von der Schulter und sicherte den provisorischen Landeplatz. Der Boden war hart, durchzogen von Wurzeln. Es roch nach Kiefer, Erde und etwas Undefinierbarem – Wildnis pur.
Die anderen kletterten einer nach dem anderen hinaus. Ihre Schuhe sanken leicht ein, es war feucht. Lucie kniff die Augen zusammen, als ihr der kalte Wind ins Gesicht schlug. „Das ist verrückt“, murmelte sie.
Der Pilot winkte knapp und hob wieder ab. Niemand sagte etwas, als die Rotoren lauter wurden und der Helikopter sich langsam in die Luft erhob. Für einen Moment hielten alle die Luft an – und dann war er weg.
Stille.
Nur das Knacken der Äste, das Pfeifen des Windes und das entfernte Rufen eines Vogels.
Julien wartete, bis der Ton des Helikopters vollständig verklungen war. Dann drehte er sich zu ihnen um, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen.
„Willkommen am Ende der Welt“, sagte er mit ruhiger Stimme. „Ab jetzt zählt nur noch eins: Überleben.“
Einige lachten nervös, andere schwiegen.
Julien griff in seinen Rucksack und holte eine laminierte Karte heraus. „Hier ist der Startpunkt. Keine Wege, kein Empfang, keine Hilfe. Wir haben Kameras. Jeder trägt eine. Die Show läuft mit minimaler Crew. Die filmen euch von weitem, aber sie greifen nicht ein. Es gibt keine Drehabbrüche. Keine Ausreden.“
Er verteilte die Karten, die Koordinaten waren grob – Flussläufe, Felsformationen, eine Orientierung auf Survival-Niveau.
„Zelte?“, fragte Paul.
„Nur Planen. Selbstkonstruktion.“
„Essen?“
„Was ihr findet.“
Lucie lachte nervös. „Also wirklich alles wie im TV?“
Julien nickte. „Mehr als das.“
Sie verbrachten den Tag damit, sich einen Überblick zu verschaffen. Der Himmel zog sich zu, graue Wolken rollten heran. Julien wies ihnen einen Ort am Waldrand zu, an dem sie sich ein provisorisches Lager errichten sollten.
Anna und Camille spannten als Erste ihre Plane zwischen zwei Bäumen. Victor sägte schweigend Äste zurecht. Lucie versuchte, ein Lagerfeuer zu entfachen, aber das Holz war feucht.
Paul setzte sich irgendwann auf einen Stein und fluchte leise.
„Was hast du erwartet?“, fragte Camille ohne Spott.
„Dass jemand Essen bringt. Oder wenigstens eine Thermoskanne.“
Camille zuckte mit den Schultern. „Das hier ist kein Hotel.“
Émile versuchte, mit seinem Solarpanel das GPS zu laden, aber die Wolken waren zu dicht. Julien beobachtete alles still. Er notierte etwas in ein kleines Lederheft, das er sofort wieder in die Brusttasche steckte.
Als die Sonne unterging, war das Lager ein Flickenteppich aus Planen, Ästen und improvisierten Hängematten. Das Feuer flackerte endlich – dank Anna, die heimlich Streichhölzer in ihrer Jacke hatte. Julien sagte nichts, als er das bemerkte.
„Wie lange bleiben wir hier?“, fragte Lucie.
Julien blickte in den Himmel. „Eine Woche. Wenn ihr es schafft.“
Camille sah ihn scharf an. „Was passiert, wenn nicht?“
Er lächelte schwach. „Dann holen wir euch raus.“
Doch da war ein Ton in seiner Stimme, der sie alle kurz verstummen ließ.
Der Wind frischte auf. Der Wald rauschte. In der Ferne heulte ein Wolf.
Als sie sich zur Nachtruhe legten, eingewickelt in Decken und unter notdürftig gespannten Planen, blieb ein Gefühl zurück, das keiner aussprach.
Sie waren allein.
Und der erste Tag war noch nicht einmal vorbei.
Hinweis
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