Zu diesem Buch
30
Kapitel
112
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Wörter
12+
Content
Kapitel 1 – Der Brand in der Livraria
Die Glocken von São Vicente de Fora schlugen achtmal, als Diogo Rocha zum ersten Mal an diesem Abend die Straße betrat. Sein Mantel war zu dünn für den kühlen Lissabonner Frühlingswind, aber das kümmerte ihn nicht. In seiner linken Hand hielt er einen kleinen, mit Leder umwickelten Zettel, kaum größer als eine Postkarte. Der Fund war unscheinbar, doch sein Herz schlug schneller, seit er ihn entdeckt hatte – versteckt zwischen zwei vergilbten Seiten eines längst vergessenen Buchs.
Die „Livraria do Conde“, eine private Antiquariatsbuchhandlung im Herzen von Alfama, war einer dieser Orte, die nur existierten, wenn man sie suchte. Ein schmaler Gang zwischen zwei Häusern, kein Schild, keine Fenster, nur eine alte Glocke an einer massiven Holztür. Diogo hatte sie zufällig gefunden – oder vielleicht war es Schicksal.
Er drückte die Tür auf. Ein leises Glockenspiel begrüßte ihn, begleitet vom Geruch nach Leder, Staub und altem Holz. Die Regale ragten bis zur Decke, gefüllt mit Schriften in Latein, Portugiesisch, Arabisch. Es war, als würde man eine Kapelle betreten, die dem geschriebenen Wort geweiht war.
„Senhor Rocha“, sagte eine Stimme hinter dem Tresen. „Sie sind spät.“
Der Buchhändler, ein Mann mit schmalem Gesicht und Händen wie aus Pergament, blickte nicht auf. Er ordnete sorgfältig ein Buch zurück ins Regal.
„Ich musste etwas überprüfen“, sagte Diogo, während er durch die Regale schritt. „Das Fragment, das Sie mir gestern zeigten – ich glaube, es stammt aus dem 16. Jahrhundert. Handgezeichnet. Wahrscheinlich ein Teil der sogenannten Carta dos Navegadores.“
Der Buchhändler erstarrte.
„Diese Karte ist eine Legende.“
„Ich weiß. Aber es gibt Details auf diesem Fragment, die auf eine Festung hinweisen. Keine gewöhnliche. Die Festung der Sieben Türme.“
Jetzt sah der Alte auf. Seine Augen waren plötzlich wach, klar, als würde er die Gegenwart durchschauen.
„Wenn das stimmt, wird jemand sehr bald nach Ihnen suchen.“
Diogo lächelte nervös. „Sie glauben an den Fluch?“
„Ich glaube an Menschen, die an Flüche glauben. Und das macht sie gefährlich.“
Ein dumpfer Schlag ließ das gesamte Gebäude erzittern. Bücher fielen von den Regalen, ein Regal kippte bedrohlich nach vorne. Dann noch ein Schlag – diesmal begleitet von einem orangefarbenen Licht, das unter der Tür hindurchleckte.
Feuer.
„Was zum...“
„Hinterausgang!“, rief der Buchhändler.
Diogo wollte noch etwas sagen, doch eine Explosion ließ eine der Wände einstürzen. Flammen züngelten durch das Holz, Rauch kroch wie eine Kreatur über den Boden.
Er rannte.
Der Hinterausgang war kaum sichtbar – ein niedriger Gang hinter einem Bücherstapel. Diogo kroch hindurch, während Rauch seine Kehle zuschnürte. Der Atem wurde schwer, jeder Husten brannte wie Salz auf Wunden. Hinter ihm krachte ein Regal in sich zusammen.
Als er endlich ins Freie stolperte, keuchte er. Die Gasse war leer. Kein Mensch. Keine Sirene. Nur die dunklen Schatten der Altstadt.
Und dann sah er sie.
Eine Frau stand am Ende der Gasse, in der Hand eine Pistole, die in Richtung der Tür zeigte, aus der er gerade gekommen war. Ihre Haltung war ruhig. Eiskalt. Ihre Augen fixierten ihn.
„Du bist Diogo Rocha?“, fragte sie.
Er nickte. „Wer sind Sie?“
„Ich bin dein letzter Ausweg. Wenn du überleben willst, komm jetzt mit.“
Er zögerte nur einen Moment. Dann hörte er hinter sich das Knacken von Schuhen auf Scherben. Jemand war ihm gefolgt.
Er rannte los.
Die Frau hatte ein Motorrad geparkt – ein altes Modell, aber schnell. Ohne ein weiteres Wort schwang sie sich darauf, warf ihm einen Helm zu und donnerte durch die dunklen Gassen von Alfama. Der Fahrtwind zerriss seine Gedanken. Adrenalin pumpte durch seine Adern. Wer war sie? Wer wollte ihn töten? Was hatte er da bloß losgetreten?
Er war kein Held. Kein Abenteurer. Er war Archäologe. Bücher, Archive, Theorien – das war seine Welt.
Und doch wusste er: Es gab kein Zurück mehr.
•
Sie hielten erst, als sie die Stadtgrenzen von Lissabon hinter sich gelassen hatten. Eine verlassene Tankstelle am Rande eines Industriegebiets. Die Frau zog den Helm ab. Kurze Locken, scharfe Wangenknochen, ein Blick wie ein Skalpell.
„Ich heiße Tânia. Oder Jaguar. Je nachdem, wer fragt.“
Diogo nickte. „Danke. Für die Rettung. Aber… was ist da passiert?“
„Jemand will, dass du verschwindest. Das Feuer war kein Unfall. Und das bedeutet, dass du etwas gefunden hast, das sie nicht wollten.“
„Die Karte…“
„Was für eine Karte?“
Er zögerte. Dann zog er das Lederfragment aus seiner Innentasche. Selbst in der Dunkelheit wirkte es alt. Verwundbar. Doch voller Macht.
Tânia trat näher. Ihre Augen verengten sich.
„Heilige Mutter... Das ist... das ist echt.“
„Was ist das hier?“, fragte Diogo. „Ich dachte, es sei Teil einer Seekarte. Aber...“
„Es ist mehr als das“, sagte sie. „Das Symbol da – das ist das Wappen der Irmandade de Tomar.“
„Die Bruderschaft von Tomar? Ich dachte, das sei nur eine Legende.“
„Sie dachten auch, diese Karte sei eine Legende. Und jetzt bist du fast gestorben, weil du sie gefunden hast.“
Er spürte, wie seine Knie weich wurden. Die Realität war wie ein Kartenhaus, das einstürzte.
„Was soll ich jetzt tun?“
Tânia sah ihn mit einem Blick an, der keine Zweifel ließ.
„Du wirst herausfinden, was hinter der Festung der Sieben Türme steckt. Und ich werde dafür sorgen, dass du am Leben bleibst.“
Der Wind wehte den Rauchgeruch aus der Stadt zu ihnen.
Diogo wusste, dass sein Leben nie wieder sein würde wie zuvor.
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