Zu diesem Buch
20
Kapitel
65
Minuten
16k+
Wörter
12+
Content
Zwischen Puls und Pause
Kapitel 1 – Neue Schichten, alte Narben
„Hey, bist du die Neue? Dann zieh dir was Bequemes an – das hier ist kein Schönheitssalon, sondern Krieg.“
Clover hob eine Augenbraue. Nicht wegen der Worte, sondern wegen der Frau, die sie ausgesprochen hatte. Die Empfangsdame – laut Schild „Jolene“ – trug pinke Fingernägel, die so lang waren, dass sie wahrscheinlich als Defibrillatorschalter durchgehen konnten.
„Ich bin Clover, ja. Erste Schicht heute.“
„Willkommen in der Hölle, Süße.“ Jolene lächelte schmal. Es war das Lächeln eines Menschen, der schon zu viel gesehen hatte, um noch an Happy Ends zu glauben.
Clover warf einen letzten Blick auf die graue Eingangstür mit der Aufschrift „NOTAUFNAHME – PERSONALZUTRITT“ und atmete tief durch. Das hier war ihr Neuanfang. Und hoffentlich nicht ihr Untergang.
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Die erste Stunde verging im Stakkato aus Piepstönen, Funksprüchen und quietschenden Rollbetten. Clover kam nicht einmal dazu, ihre Tasche abzulegen, bevor sie zum ersten Mal Blut sah – und zwar nicht in einem hübschen Reagenzglas.
„Wir haben einen Stichverletzten, männlich, 23, Puls bei 120, blass wie’n Vampir nach Sonnenstich.“
Die Stimme gehörte zu einem drahtigen Typen mit zotteligen Haaren und einem Namensschild: Trent. Assistenzarzt. Wahrscheinlich zwei Jahre älter als Clover, aber mit der Ausstrahlung eines Mannes, der schon fünf Leben gleichzeitig lebt.
„Kannst du ein Skalpell halten, ohne umzufallen?“ fragte er ohne sie anzusehen.
Clover nickte. „Ich bin kein Porzellanpüppchen.“
Trent grinste kurz. „Gut. Dann halt das. Und atme nicht zu laut.“
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Während Clover einem bewusstlosen Patienten die Stirn abtupfte, stürmte ein neuer Charakter ins Drehbuch: Dr. Maddox Ray. Groß. Breit. Haare, die sich weigerten, sich irgendeiner Frisur zu fügen. Sein Kittel wirkte, als hätte er schon in mehreren Weltkriegen gedient – oder zumindest in einem Fast-Food-Krieg.
„Wer hat den da in Behandlungsraum 3 gelegt? Das ist die Allergiezentrale, keine Spielwiese für Messeropfer!“
„War gerade frei“, murmelte Trent.
„Wenn du bei mir nach freien Zimmern gehst, landest du bald im Kühlraum.“ Maddox blinzelte einmal. Dann wandte er sich an Clover. „Du bist neu. Du hast Glück, dass wir heute noch keinen Herzinfarkt im Wartebereich hatten. Aber warte ab – es ist noch früh.“
Clover konnte sich nicht entscheiden, ob sie lachen oder weglaufen wollte.
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Im Pausenraum dampfte der Kaffee aus einer Maschine, die aussah wie aus den 70ern importiert. Jolene löffelte Joghurt mit einer Ernsthaftigkeit, die man sonst nur aus Gerichtssälen kannte.
„Du gewöhnst dich dran“, sagte sie schließlich, ohne aufzusehen.
„Woran?“
„Daran, dass niemand hier normal ist. Die Patienten nicht. Die Ärzte nicht. Wir schon gar nicht.“
Clover setzte sich auf den wackeligen Plastikstuhl gegenüber. „Warum arbeitest du hier, wenn du alles so mies findest?“
Jolene sah sie zum ersten Mal wirklich an. Und sagte dann, ganz leise:
„Weil jemand es tun muss.“
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Zurück auf Station war die Luft dicker geworden. Ein junger Mann, kaum älter als Clover, schrie laut, dass man ihm seinen „Heiligenschein“ gestohlen habe. Zwei Pfleger versuchten, ihn zu beruhigen.
„Schizophrenie in Schub“, erklärte Maddox. „Clover, bleib am Rand. Er hat heute Morgen einen Schrank zerlegt, weil er dachte, da wohnt Gott drin.“
Doch statt Angst spürte Clover plötzlich... Neugier. Sie beobachtete, wie der Patient – Cody, wie er sich nannte – sich in ein stilles Wimmern zurückzog, als Trent ihm ruhig die Hand auf die Schulter legte. Es war eine Mischung aus Tragik und Menschlichkeit, die sie so noch nie gesehen hatte. Keine Serie. Kein Film. Nur das echte Leben, ungeschminkt und laut.
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Als die Sonne unterging, war Clover nicht sicher, ob es 18 oder 22 Uhr war. Ihre Beine taten weh, ihre Schultern brannten – aber sie lächelte, als sie aus der Umkleide kam.
„Hast du überlebt?“ fragte Jolene, die gerade eine Liste mit Lieferengpässen überflog.
„Knapp. Ich hab mehr Körperflüssigkeiten gesehen als in jedem Horrorfilm.“
„Willkommen bei uns“, sagte Trent, der plötzlich neben ihr stand. „Wenn du das öfter willst – du bist genau richtig.“
„Ich bin nicht sicher, ob das ein Kompliment war.“
„War’s auch nicht“, grinste Trent. Dann wurde er kurz ernst. „Aber... du hast dich gut geschlagen. Wirklich.“
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Spät in der Nacht, als Clover endlich den Parkplatz erreichte, schloss sie die Augen und lehnte sich gegen ihr Auto. Ein dunkler Himmel spannte sich über ihr. Keine Sirenen. Kein Piepen. Nur Stille.
Sie hatte den ersten Tag überlebt. Und irgendwo tief in ihr wusste sie – sie würde wiederkommen.
Denn trotz allem Chaos... hatte dieser Ort etwas Echtes.
Etwas, das sie zu lange vermisst hatte.
Hinweis
Bewertungen sollen sich ausschließlich auf die Geschichte des Buches beziehen – nicht auf die Cameo-Auswahl oder Teilnahme. Wir freuen uns über ehrliches Feedback zur Handlung, den Charakteren oder dem Leseerlebnis. Die Cameo-Chance ist ein zusätzlicher Bonus und spielt in der Bewertung keine Rolle.
