Zu diesem Buch
20
Kapitel
60
Minuten
15k+
Wörter
14+
Content
Unter dem Spiegel der Stille
Kapitel 1 – Der schöne Trinker
Er war der Typ, bei dem alle hinsahen, wenn er einen Raum betrat. Groß, schlank, ein kantiges Gesicht mit weichen Zügen, goldblondem Haar, das immer wie zufällig perfekt fiel, und diesen leuchtenden, blauen Augen, in denen sich jeder sofort verlieren wollte. Leon war ein Mann, den die Welt anhimmelte – zumindest auf den ersten Blick. Er war das Posterbild eines Traummanns, einer, der Herzen im Vorbeigehen brach und es nicht mal merkte. Frauen nannten ihn einen Engel mit Teufelsblick. Männer beneideten ihn – um sein Aussehen, seinen Charme, seine scheinbar perfekte Welt.
Was sie nicht wussten: Unter dem perfekten Styling, hinter dem Lächeln, das wie aus einem Werbespot wirkte, zersplitterte etwas. Tief in seinem Innersten war Leon leer. Und diese Leere füllte er Nacht für Nacht mit Alkohol. Gin. Tequila. Bier. Es spielte keine Rolle. Hauptsache, es brannte in der Kehle und benebelte die Gedanken.
Die Bar war sein zweites Zuhause. Keine noble Lounge, keine hippe Szene-Kneipe – nein, ein schummriger, abgefuckter Laden in einem Keller. „Black Lily“ hieß er, ein Ort, wo Namen egal waren und jeder ein bisschen verloren schien. Dort saß er jetzt, wie fast jeden Abend, auf seinem Stammplatz an der Theke. Vor sich ein Glas mit klarem Inhalt, daneben ein schiefer Aschenbecher, obwohl Leon gar nicht rauchte. Das war Teil des Spiels – so zu tun, als würde man noch jemand anderes sein.
„Noch einen?“ fragte der Barkeeper, ein stämmiger Typ mit Glatze und zu vielen Tattoos.
Leon nickte. Worte waren überbewertet. Vor allem, wenn man nichts zu sagen hatte.
Er trank. Und dachte nicht. Oder versuchte es zumindest. Sein Handy vibrierte in der Hosentasche – eine von vielen. Der Name auf dem Display war Sophia. Hübsch, langbeinig, Model-Typ, irgendwo hatte er mal mit ihr geschlafen. Vielleicht sogar öfter. Er konnte sich nicht erinnern. Er nahm das Gespräch nicht an. Stattdessen kippte er den nächsten Shot.
Eine Blondine an der Bar zwinkerte ihm zu. Er schenkte ihr ein geübtes Lächeln. Sie rückte näher. Er wusste, wie das lief. In einer Stunde würde sie in seinem Bett liegen, vielleicht auch nur für ein paar Minuten. Danach wäre sie weg. Wie immer.
Aber heute fühlte es sich anders an. Nicht besonders – einfach leerer als sonst. Wie ein Echo, das nicht mehr antwortete.
„Du siehst aus, als würdest du hier wohnen“, sagte plötzlich eine Stimme neben ihm.
Leon drehte den Kopf. Die Frau, die da stand, war nicht sein Typ. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Braune, ungestylte Haare, ein schlichtes T-Shirt, keine High Heels, kein Lipgloss. Und vor allem: Sie sah ihn an, als würde sie ihn nicht erkennen. Nicht als den Leon. Sondern einfach nur als irgendeinen Typen an der Bar.
„Vielleicht tue ich das“, antwortete er und versuchte, cool zu klingen. Sein Tonfall: Ironisch, halb charmant, halb gelangweilt.
Sie lachte nicht. Stattdessen zog sie eine Augenbraue hoch. „Dann solltest du dir ein gemütlicheres Zuhause suchen.“
„Und du? Was machst du hier?“ fragte er zurück.
„Ich warte auf jemanden. Und du? Wartest du auf dich selbst?“
Ein Satz wie ein Schlag in den Magen. Er schwieg. Und plötzlich wurde ihm bewusst, wie still es um ihn war. Die Musik war da, die Stimmen, das Klirren von Gläsern – und doch war da nur dieses eine Echo. Ihre Worte.
„Ich bin Mila“, sagte sie schließlich.
Er nannte ihr seinen Namen nicht. Er wollte wissen, ob sie ihn wirklich nicht kannte.
„Leon“, murmelte er dann doch, fast widerwillig.
Sie nickte, ohne erkennbare Reaktion. Keine Überraschung, kein verlegenes Lächeln, kein errötendes Staunen.
„Schön. Dann weiß ich wenigstens, wie ich dich nennen kann, wenn ich sage, du solltest aufhören zu trinken.“
Er musste lachen. Zum ersten Mal an diesem Abend. Nicht gekünstelt. Nicht zur Show.
„Du kennst mich nicht“, sagte er.
„Stimmt. Aber ich erkenne, wenn jemand verloren aussieht.“
Sie ging, ohne sich umzudrehen. Keine Nummer, kein Flirt, kein Zögern. Nur dieser eine Satz, der in seinem Kopf blieb wie ein Lied, das man nicht mehr loswird.
Er starrte in sein Glas. Plötzlich schmeckte der Alkohol bitter. Bitterer als sonst. Vielleicht hatte sie recht. Vielleicht war er verloren. Vielleicht war das schon länger so.
In dieser Nacht nahm er niemanden mit nach Hause. Kein Lachen. Kein Körper neben ihm im Bett. Nur Stille.
Und zum ersten Mal seit Jahren schlief er nicht betrunken ein.
Hinweis
Bewertungen sollen sich ausschließlich auf die Geschichte des Buches beziehen – nicht auf die Cameo-Auswahl oder Teilnahme. Wir freuen uns über ehrliches Feedback zur Handlung, den Charakteren oder dem Leseerlebnis. Die Cameo-Chance ist ein zusätzlicher Bonus und spielt in der Bewertung keine Rolle.
