Zu diesem Buch
23
Kapitel
80
Minuten
20k+
Wörter
12+
Content
NeuroX
Kapitel 1: Die Dunkelheit unter der Stadt
Die Luft war stickig. In der verlassenen U-Bahn-Station roch es nach Öl, Eisen und altem Schweiß. Die Neonlichter an der Decke flackerten unregelmäßig und warfen unstete Schatten auf die Wände. Niemand sollte um diese Uhrzeit hier sein. Doch genau das war der Grund, warum Leo kam. Hier unten war er allein. Hier konnte er üben.
Leo stand barfuß auf den kalten Schienen, die Augen geschlossen. Er spürte den Puls der Stadt über seinen Sohlen, das leise Zittern des Metalls, die Elektrizität, die durch die Kabel rauschte wie Flüsse unter der Erde. Er atmete tief ein, konzentrierte sich und hob langsam die rechte Hand. Ein Flackern zuckte durch seine Finger – wie statische Entladung, nur dass es nicht aufhörte.
„Komm schon“, murmelte er. „Nur ein kleines Stück.“
Ein leiser Knall. Funken sprühten aus einem Sicherungskasten an der Wand. Leo schreckte zurück, seine Konzentration zerbrach. Die Energie erlosch. Wieder nicht.
Er stieß die Luft aus, trat von den Schienen und ließ sich auf den Rand des Bahnsteigs sinken. Das Training verlief schleppend. Seit seinem vierzehnten Geburtstag war alles anders. Dinge reagierten auf ihn, bevor er sie berührte. Bildschirme flackerten, wenn er vorbeilief. Lichtschalter versagten. Und manchmal, ganz selten, hörte er Stimmen. Nicht aus seinem Kopf. Echte Stimmen. Aus dem Stromnetz. Aus Leitungen. Aus Geräten.
Er dachte lange, er werde verrückt. Aber irgendwann hatte er verstanden: Es war eine Fähigkeit. Keine Krankheit. Und jetzt, mit sechzehn, war er entschlossen, sie zu beherrschen. Oder sie würde ihn zerstören.
„Du solltest nicht so offen üben.“
Leo zuckte zusammen. Die Stimme kam von der anderen Seite des Bahnsteigs. Im Schatten stand ein Mädchen. Schwarze Kapuze, schwarze Jeans, feste Haltung. Ihre Augen glänzten hell im Halbdunkel. Wie Katzenaugen.
„Wer bist du?“, fragte Leo.
„Jemand wie du“, sagte sie und trat näher. „Mit dem Unterschied: Ich weiß, wie ich meine Kräfte kontrolliere.“
Leo stand langsam auf. Sein Körper war angespannt, bereit zur Flucht. „Ich bin nicht auf der Suche nach Freunden.“
„Gut“, erwiderte sie trocken. „Ich auch nicht. Ich suche Verbündete.“
Ein Zischen ertönte. Irgendwo in der Dunkelheit fuhr eine rostige Bahn vorbei, längst außer Betrieb. Leo spürte, wie sich die Metallteile in seinem Rücken elektrisch aufluden. Seine Haut prickelte.
„Was willst du von mir?“, fragte er.
Das Mädchen hob eine kleine Metallkugel aus der Jackentasche. Sie schwebte plötzlich, von keiner sichtbaren Kraft gehalten, drehte sich langsam in der Luft und fing an zu glühen.
„Ich weiß, was du bist, Leo. Und ich weiß, was kommt. Du bist nicht allein. Nicht mehr.“
Leo trat einen Schritt zurück. „Woher kennst du meinen Namen?“
„Weil wir dich beobachtet haben. Schon seit Monaten.“
„Wir?“, fragte Leo.
Das Mädchen nickte. „Es gibt andere. Jugendliche mit Kräften. Gaben. Wie auch immer du es nennen willst. Die meisten von uns wissen es noch nicht mal. Aber du bist stärker als die meisten. Und das macht dich zur Zielscheibe.“
Leo schnaubte. „Ich habe niemandem was getan.“
„Das spielt keine Rolle. Es gibt Menschen, die Angst vor dem haben, was sie nicht kontrollieren können. Und Organisationen, die das ausnutzen.“
Sie steckte die Kugel weg und sah ihn ernst an. „Wir brauchen dich. Bald.“
Leo war still. Sein Herz pochte. Die Vorstellung, nicht allein zu sein, war ebenso beängstigend wie tröstlich. Und doch… Etwas an ihr wirkte glaubwürdig. Nicht aufgesetzt. Nicht wie eine Falle.
„Ich will Antworten“, sagte er schließlich.
„Die bekommst du“, erwiderte sie. „Aber nicht hier.“
Ein Summen durchzog den Raum. Die Deckenlichter flackerten heftig. Dann ging alles aus. Finsternis.
„Was war das?“, fragte Leo, seine Stimme war ein wenig zu laut.
„Ein Signal“, sagte sie ruhig. „Sie kommen.“
Leo spürte, wie sich die Atmosphäre veränderte. Die Luft war plötzlich geladen. Nicht mit Elektrizität, sondern mit Erwartung. Er hörte schwere Schritte. Metall auf Stein.
„Weg hier“, sagte das Mädchen. Sie griff nach seinem Handgelenk, fest und entschlossen.
Leo zögerte nur einen Moment, dann folgte er ihr. Die Dunkelheit war nun vollkommen. Aber er spürte den Weg. Metall, Kabel, Schwingungen. Er konnte ihn sehen – nicht mit den Augen, sondern mit etwas anderem.
Erstaunt erkannte Leo: Etwas in ihm hatte sich verändert. Und es gab kein Zurück mehr.
Hinweis
Bewertungen sollen sich ausschließlich auf die Geschichte des Buches beziehen – nicht auf die Cameo-Auswahl oder Teilnahme. Wir freuen uns über ehrliches Feedback zur Handlung, den Charakteren oder dem Leseerlebnis. Die Cameo-Chance ist ein zusätzlicher Bonus und spielt in der Bewertung keine Rolle.
