Zu diesem Buch
25
Kapitel
118
Minuten
29k+
Wörter
18+
Content
Kapitel 1 – Der Morgen danach
Der Morgen kam nicht leise. Er kam wie ein Schlag. Nicht von außen, sondern von innen. Piotr lag auf dem Rücken und wusste für einen Moment nicht, wo er war. Die Decke über ihm war grau. Nicht angenehm grau, sondern das Grau alter Wände, die zu viele Winter gesehen hatten. Sein Mund war trocken, als hätte jemand ihm über Nacht Sand hineingeschüttet. Jeder Atemzug kratzte. Sein Kopf pochte dumpf, nicht stechend, eher wie ein langsamer Hammer, der geduldig wartete, bis er die Schädeldecke ganz zerlegt hatte.
Er blinzelte. Das Licht tat weh. Selbst das schwache Morgenlicht, das durch die schmutzigen Gardinen sickerte, fühlte sich an wie ein Angriff. Piotr schloss die Augen wieder und hoffte auf Schlaf. Doch Schlaf kam nicht zurück. Stattdessen kamen Bilder. Keine klaren. Bruchstücke. Ein Glas. Noch ein Glas. Der bittere Geschmack von billigem Wodka. Tabletten, die er ohne nachzudenken geschluckt hatte. Nicht gezählt. Nie gezählt.
Er drehte den Kopf zur Seite. Der Nachttisch war überladen. Leere Blister. Eine offene Flasche. Ein umgekipptes Glas, aus dem sich eine klebrige Spur über das Holz gezogen hatte. Alles war genauso, wie er es gestern zurückgelassen hatte. Das war schlimmer, als wenn Chaos geherrscht hätte. Ordnung bedeutete Erinnerung. Ordnung bedeutete Entscheidung.
Piotr stöhnte leise und setzte sich langsam auf. Sein Körper protestierte sofort. Schwindel. Ein Ziehen im Magen. Seine Hände zitterten leicht. Er presste sie gegen die Matratze, als könnten sie sich so beruhigen. Der Raum schwankte kurz, fing sich dann wieder. Er wartete. Er hatte gelernt zu warten. Wenn man still genug blieb, hörte der Körper irgendwann auf zu schreien.
Die Wohnung war still. Zu still. Kein Radio. Kein Fernseher. Keine Stimmen. Nur das entfernte Geräusch eines Autos draußen, irgendwo in der Straße. Polen war morgens grau. Nicht romantisch grau, sondern funktional. Der Himmel hatte keine Meinung. Genau wie Piotr.
Er stand auf. Barfuß auf dem kalten Boden. Die Kälte kroch sofort durch seine Füße nach oben. Früher hätte er geflucht. Heute nahm er sie einfach hin. Im Bad betrachtete er sich im Spiegel. Sein Gesicht war aufgedunsen. Die Augen gerötet. Bartstoppeln ungleichmäßig. Er sah älter aus als er war. Nicht wegen der Jahre, sondern wegen der Müdigkeit, die sich festgesetzt hatte.
Er ließ das Wasser laufen und hielt den Kopf darunter. Kalt. Sehr kalt. Für einen Moment fühlte er sich fast wach. Fast lebendig. Dann kam das Pochen zurück, stärker als zuvor. Er stützte sich am Waschbecken ab und atmete schwer.
„Du bist noch da“ sagte er leise zu seinem Spiegelbild.
Die Worte klangen fremd. Als gehörten sie jemand anderem. Noch da zu sein war kein Erfolg mehr. Es war nur ein Zustand. Ein weiterer Morgen. Ein weiteres Aufwachen, das sich nicht wie ein Anfang anfühlte, sondern wie eine Fortsetzung von etwas, das längst hätte enden sollen.
In der Küche roch es abgestanden. Alkohol. Kalter Rauch von der Zigarette, die er gestern nicht einmal ganz geraucht hatte. Der Tisch war leer bis auf einen Briefumschlag. Er wusste, was darin war. Er wusste es, ohne ihn zu öffnen. Rechnungen. Mahnungen. Papier, das ihn daran erinnerte, dass Zeit weiterlief, auch wenn er es nicht tat.
Er setzte sich auf den Stuhl und ließ den Umschlag unangetastet. Sein Blick wanderte zum Fenster. Draußen lief eine Frau mit einem Kind vorbei. Das Kind lachte. Dieses klare, helle Lachen, das nichts von der Welt wusste. Piotr spürte ein Ziehen in der Brust. Kein Neid. Kein Hass. Nur ein dumpfes Wissen, dass er zu etwas gehörte, das vorbei war.
Seine Eltern hätten diesen Morgen anders begonnen. Seine Mutter hätte Kaffee gemacht. Stark. Zu stark. Sein Vater hätte über irgendetwas geschimpft. Über das Wetter. Über die Politik. Über nichts und alles. Piotr schluckte. Die Bilder kamen jetzt klarer. Zu klar.
Der Unfall war kein Film. Kein dramatisches Ereignis mit Musik. Es war ein Geräusch gewesen. Metall auf Metall. Ein kurzer Moment, in dem alles gleichzeitig passiert war. Danach Stille. Eine Stille, die lauter war als jeder Schrei.
Er stand abrupt auf und ging zurück ins Schlafzimmer. Öffnete den Schrank. Ganz unten lag eine Kiste. Er hatte sie jahrelang nicht angerührt. Nicht, weil er sie vergessen hatte, sondern weil er wusste, was darin war. Fotos. Ein Schal seiner Mutter. Ein Schlüsselbund, den niemand mehr brauchte.
Piotr zog die Kiste hervor, öffnete sie und setzte sich auf den Boden. Seine Hände zitterten stärker jetzt. Er nahm ein Foto. Seine Eltern. Beide lachend. Ein Sommer. Irgendwo am See. Er erinnerte sich an den Tag. An das Grillen. An den Geruch von Gras. An das Gefühl, sicher zu sein.
„Ich habe versagt“ flüsterte er.
Er wusste nicht, an wen er es richtete. An sie. An sich. An niemanden. Die Schuld war wie ein Schatten, der sich nie bewegte, egal wie sehr er sich drehte. Er hätte fahren sollen. Er hätte anrufen sollen. Er hätte irgendetwas tun sollen. Doch er hatte nichts getan. Und dieses Nichts hatte alles zerstört.
Die Tabletten lagen noch auf dem Nachttisch. Er sah sie aus dem Augenwinkel. Sie waren immer da. Verlässlich. Still. Sie stellten keine Fragen. Sie wollten keine Erklärungen. Sie wirkten.
Piotr stand auf, nahm eine Tablette in die Hand, drehte sie zwischen den Fingern. Klein. Weiß. Harmlos aussehend. Er wusste genau, wie viele er nehmen konnte, um den Tag zu überstehen. Und wie viele, um ihn vielleicht nicht zu überstehen.
Er legte sie zurück. Nicht aus Stärke. Nicht aus Hoffnung. Sondern aus Müdigkeit. Selbst das Ende erforderte Energie, die er gerade nicht hatte.
Stattdessen setzte er sich wieder auf das Bett. Der Raum fühlte sich enger an. Die Wände rückten näher. Er atmete langsam ein und aus. Zählte. Eins. Zwei. Drei. Das hatte ihm einmal jemand geraten. Damals, als noch jemand da gewesen war, der glaubte, Ratschläge könnten helfen.
Der Kontakt zur restlichen Familie war irgendwann einfach abgebrochen. Keine großen Streits. Keine klaren Abschiede. Nur weniger Anrufe. Weniger Antworten. Irgendwann nichts mehr. Piotr hatte es hingenommen wie alles andere. Verlust war zu einem normalen Zustand geworden.
Er griff nach seinem Handy. Keine neuen Nachrichten. Natürlich nicht. Er scrollte durch alte Chats, ohne wirklich zu lesen. Namen, die einmal Bedeutung gehabt hatten. Jetzt waren sie nur noch Buchstaben auf einem Bildschirm.
Der Morgen war inzwischen weitergezogen. Das Licht im Raum war heller geworden. Der Tag begann, ob er wollte oder nicht. Piotr stand auf und zog sich an. Dieselben Klamotten wie gestern. Es spielte keine Rolle mehr.
Bevor er die Wohnung verließ, blickte er noch einmal zurück. Auf das Bett. Die Kiste auf dem Boden. Die Tabletten. Alles wartete geduldig. Nichts lief ihm weg. Er schloss die Tür hinter sich ab und steckte den Schlüssel ein.
Im Treppenhaus roch es nach feuchtem Beton. Schritte hallten. Stimmen von Nachbarn. Leben. Piotr ging langsam die Stufen hinunter. Jeder Schritt fühlte sich schwer an. Doch er ging weiter. Nicht, weil er wusste wohin. Sondern weil stehen bleiben keine Option mehr war.
Draußen empfing ihn die kalte Luft. Er zog die Jacke enger um sich und sah in den grauen Himmel. Kein Zeichen. Keine Antwort. Nur ein weiterer Tag.
Und irgendwo tief in ihm, kaum wahrnehmbar, lag ein Gedanke. Kein Wunsch. Keine Hoffnung. Nur ein leiser Satz.
Vielleicht nicht heute.
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